Treffen mit Regierung Obwalden. 8. September 2026


Geschätzte Frau Landammann, liebe Cornelia
geschätzte Kolleginnen und Kollegen aus den beiden Regierungen
liebe Partnerinnen und Partner
liebe Gäste

Ich habe mir im Vorfeld dieses Abends überlegt: Was verbindet Obwalden und Nidwalden eigentlich?

Die Geschichte? Selbstverständlich.
Der gemeinsame Schlüssel im Wappen? Natürlich.
Unsere zahlreichen gemeinsamen Projekte? Zumindest meistens.
Oder vielleicht der Kernwald? Er trennt uns geografisch – und gibt uns gleichzeitig zuverlässig Auskunft darüber, wer oben und wer unten ist.

Aber all das schien mir für eine launische Tischrede noch nicht ganz ausreichend.

Dann bin ich auf ein altes Spiel gestossen, das unsere beiden Kantone verbindet: das Kaisern.

Das Kartenspiel zeigen.

Als Kayser fühlte ich mich davon selbstverständlich sofort angesprochen. Keine Angst, liebe Cornelia: Ich beanspruche heute weder den Thron noch die alleinige Herrschaft über Unterwalden.

Beim Kaisern gibt es nämlich mehrere Kaiser gleichzeitig. Das Spiel ist damit erstaunlich kollegial – fast wie eine Regierung.

Eine der Kaiserkarten heisst sogar «Ober-Kaiser». Damit ist die Rollenverteilung für heute Abend eigentlich geklärt: Cornelia ist als Frau Landammann von Obwalden die Ober-Kaiserin. Ich bringe dafür den Namen Kayser mit.

Und weil wir heute im Weidli sind, passt es noch besser: Der Eichel-Kaiser wird beim Kaisern «Widli» genannt. Uns fehlt zwischen Widli und Weidli lediglich ein Buchstabe. Die Staatskanzlei hat mir versichert, dass es sich dabei um eine untergeordnete redaktionelle Abweichung handelt, die keinen erneuten Regierungsratsbeschluss erfordert.

Das Weidli selbst hat seine Karten in diesem Jahr ebenfalls neu gemischt: 25 Jahre Stiftung Weidli, der Bezug der neuen Werkstätte und der Aufbruch in eine nächste Etappe. Ein schöner Ort also für zwei Regierungen, die am 1. Juli ebenfalls in eine neue Amtsperiode gestartet sind.

Das Kaiserspiel ist überhaupt erstaunlich gut geeignet, um das Verhältnis zwischen Obwalden und Nidwalden zu erklären.

Erstens: Es gibt mehrere Kaiser.

Zweitens: Man spielt in Partnerschaften.

Drittens: Die Regeln werden je nach Ort etwas anders ausgelegt.

Und viertens: Während des Spiels darf gesprochen werden. Gegenseitige Unterstützung ist sogar ausdrücklich erwünscht.

Spätestens beim vierten Punkt merkt man: Das Kaiserspiel ist dem Regierungsalltag erstaunlich ähnlich – gesprochen wird viel, und den entscheidenden Stich macht man meist nur gemeinsam.

Bevor wir aber weiterreden, wollen wir eine kurze Runde spielen: den ersten offiziellen «Unterwaldner Stich».

Auf die Antwortskarten hinweisen.

Die Regeln sind einfach: Zur Auswahl stehen Obwalden, Nidwalden oder beide.

Weil Kaisern ein Partnerschaftsspiel ist, antworten zuerst die Partnerinnen und Partner. Die Regierungsmitglieder dürfen anschliessend einen kurzen Mitbericht abgeben.

Kurz bedeutet maximal zehn Sekunden. Wir wissen alle, weshalb diese Präzisierung nötig ist.

Eine Rückweisung an die Verwaltung ist ausgeschlossen. Beschwerden gegen das Resultat werden am nächsten gemeinsamen Regierungstreffen behandelt.

Beginnen wir mit der mathematischen Machtfrage:

Wo hat ein einzelnes Regierungsmitglied – rein rechnerisch natürlich – mehr Macht: in Obwalden oder in Nidwalden?

Abstimmen lassen.

Die richtige Antwort lautet: Obwalden.

Ein Mitglied der fünfköpfigen Obwaldner Regierung verkörpert 20 Prozent des Kollegiums. Ein Mitglied der siebenköpfigen Nidwaldner Regierung kommt dagegen nur auf gut 14 Prozent.

Obwalden regiert also nach dem Prinzip: klein, aber gewichtig.

Nidwalden hält es mit dem Siebnerprinzip: vier für die Mehrheit – und drei für die Spannung.

Der erste Stich geht somit an Obwalden.

Die zweite Frage ist etwas anspruchsvoller:

Welcher Kanton schaffte 2026 das demokratische Kunststück, bei den Wahlen gleichzeitig ein Überangebot und ein ausverkauftes Haus zu haben?

Abstimmen lassen.

Die richtige Antwort lautet: Nidwalden.

Für den Landrat gab es ein reichhaltiges demokratisches Buffet: 221 Bewerbungen. Für die Regierung hingegen ein festes Menü: sieben Sitze, sieben Kandidierende – damit war die Wahl bereits vor dem Wahltag beendet.

Und so kam auch unser neues Regierungsmitglied Armin Odermatt in stiller Wahl ins Amt.

Armin ist damit vermutlich der einzige Odermatt, der 2026 ohne Rennen gewonnen hat. Nicht einmal Marco schafft das.

In Obwalden wurden die Karten dagegen tatsächlich ausgespielt: Marius Küchler musste sich seinen Regierungssessel mit Wahlkampf, Urnengang und einer gehörigen Portion Nervenkitzel erspielen.

Unterwaldner Föderalismus bedeutet eben: Die einen wählen still, die anderen sorgen für einen Fotofinish.

Damit kommen wir zur dritten Frage:

Welcher Kanton hat 2026 ein neues Regierungsmitglied erhalten, das zuvor im anderen Kanton für den Handel zuständig war?

Abstimmen lassen.

Die richtige Antwort lautet: Obwalden.

Marius Küchler war zuvor Leiter Handel bei der Nidwaldner Kantonalbank. Nidwalden stellte somit den Handelsplatz zur Verfügung – und Obwalden realisierte den politischen Kursgewinn.

Überhaupt scheint Obwalden die Departemente teilweise nach dem Familiennamen zu vergeben: Eine Kaufmann führt die Finanzen, ein Küchler die Volkswirtschaft.

Bei uns ist das etwas weniger offensichtlich. Wobei: Dass ausgerechnet eine Kayser für Justiz und Sicherheit zuständig ist, war historisch betrachtet auch nicht völlig unüblich.

Marius hat sich übrigens kaum im Obwaldner Regierungszimmer eingerichtet, da durfte er zusammen mit unserem Volkswirtschaftsdirektor Othmar Filliger bereits eine neue interkantonale Vereinbarung zur Arbeitsmarktkooperation präsentieren.

Seit 30 Jahren betreiben wir gemeinsam das RAV, die Arbeitslosenkasse und die Logistikstelle für arbeitsmarktliche Massnahmen. Jetzt wird die rechtliche Grundlage modernisiert.

Das ist eine sehr unterwaldnerische Reihenfolge: Zuerst sorgen wir 30 Jahre lang dafür, dass etwas funktioniert. Danach halten wir in einer Vereinbarung präzise fest, weshalb es funktioniert.

Nun folgt die historische Risikokarte.

Wir schreiben das Jahr 1814. Das gemeinsame Regierungstreffen findet in Engelberg statt. Welcher Kanton wäre Gastgeber?

Abstimmen lassen.

Die richtige Antwort lautet: Nidwalden.

Nun findet dasselbe Treffen zwei Jahre später, 1816, nochmals in Engelberg statt. Welcher Kanton ist jetzt Gastgeber?

Erneut abstimmen lassen.

Jetzt lautet die Antwort: Obwalden.

Engelberg mischte die Karten besonders beherzt: Statt den Gastgeberort zu wechseln, wechselte es 1815 kurzerhand den Kanton.

Liebe Cornelia, als Engelbergerin bist du heute deshalb weder eindeutig Gast noch ganz fremd. Du bist vielmehr das lebende Ergebnis des erfolgreichsten Kantonstransfers der Unterwaldner Geschichte.

Nidwalden hat Engelberg 1815 verloren. Dafür dürfen wir heute seine Frau Landammann bewirten. Das ist zwar noch keine vollständige Rückerstattung, aber immerhin eine freundliche Abschlagszahlung.

Eine Rückgabe des Titlis wird heute Abend übrigens nicht verhandelt. Sie steht erst unter Varia.

Eine letzte historische Karte gehört noch auf den Tisch: Bis 1798 teilten sich Obwalden und Nidwalden an der Tagsatzung eine einzige Stimme und schickten ihre Gesandten abwechslungsweise.

Das Wechselmodell hat bei uns also Tradition. Heute wechseln wir nur noch den Gastgeber – bei den Stimmen sind wir inzwischen deutlich grosszügiger ausgestattet.

Vom historischen Blatt zurück zu den laufenden Geschäften.

Beim ILZ haben wir gerade die Spielregeln und die Rechnungslegung modernisiert. Und beim eGovernment-Portal sitzen zwei Kantone, 18 Gemeinden, das ILZ und mehrere Projektgruppen am Tisch – alle mit derselben Karte vor Augen und einer eigenen Vorstellung davon, wie sie auszuspielen ist.

Für die Bevölkerung soll am Ende ein Klick genügen. Die eigentliche Meisterleistung besteht darin, dass wir uns vorher auf Trumpf, Reihenfolge und Spielregeln einigen.

Auch im Bevölkerungsschutz und in den Militärverwaltungen prüfen wir ein engeres Zusammenspiel. Vielleicht bündeln wir unsere Karten dereinst in einem gemeinsamen Unterwaldner Bevölkerungsschutzverbund.

Das wäre folgerichtig: Brände, Unwetter und Stromausfälle spielen mit gezinkten Karten. Kantonsgrenzen kommen in ihrem Reglement schlicht nicht vor.

Zum Abschluss unseres Spiels folgt eine Frage, bei der die Regierungsmitglieder nicht antworten dürfen. Ihre Selbsteinschätzung gilt heute ausnahmsweise nicht als ausreichende Entscheidungsgrundlage.

Wer erkennt als Erstes, wie eine Regierungssitzung wirklich verlaufen ist?

·      Die Staatskanzlei beim Verfassen des Protokolls?

·      Die Medien beim Lesen der Mitteilung?

·      Das Parlament beim Behandeln des Geschäfts?

·      Oder die Partnerin beziehungsweise der Partner beim ersten Blick durch die Haustür?

Die richtige Antwort lautet selbstverständlich: die Partnerinnen und Partner.

Sie kennen zwar nicht jede Karte, die am Regierungstisch ausgespielt wurde. Aber sie erkennen sofort, ob wir mit einem Trumpf nach Hause kommen, ein schwieriges Blatt erwischt haben – oder noch immer überzeugt sind, dass vor allem die anderen falsch gespielt haben.

Beim Kaisern zeichnet sich eine gute Partnerschaft dadurch aus, dass man das Gegenüber versteht, ohne dessen Karten zu sehen. Unsere Partnerinnen und Partner beherrschen diese Kunst längst – ganz ohne Reglement, Sitzungsvorlage und Einführungskurs.

Dafür gebührt euch ein ganz besonderer Dank.

Und damit liegt auch die ernst gemeinte Botschaft unseres Spiels auf dem Tisch: Unser stärkster Trumpf sind nicht einzelne Karten, Ämter oder Kantonsgrenzen, sondern verlässliche Partnerschaften – zwischen unseren Kantonen und zu Hause.

Wir haben nicht immer dieselben Karten. Wir legen nicht jede Regel gleich aus. Und bei der Aufteilung der Kosten sind wir uns gelegentlich uneinig, wer gerade den Trumpf in der Hand hält.

Aber wir bleiben miteinander im Spiel. Denn bei den wirklich wichtigen Fragen wissen wir: Zwei kleine Kantone können gemeinsam einen erstaunlich grossen Stich machen.

Gewonnen haben wir heute Abend, wenn wir gut gegessen, herzlich gelacht und spätestens beim Kaffee eine neue Idee entdeckt haben, die Obwalden und Nidwalden gemeinsam besser verwirklichen können.

Und wenn daraus dereinst eine weitere interkantonale Vereinbarung entsteht: umso besser. Dann ist die Rollenverteilung bereits geklärt: Cornelia fragt nach den Kosten, ich nach der Sicherheit – und die beiden Staatskanzleien, bis wann wir den Entwurf verabschieden wollen.

In diesem Sinne: Spielen wir weiterhin mit offenen Karten, setzen wir unsere Trümpfe gemeinsam ein – und geniessen wir unseren Abend.

Zum Wohl auf Obwalden, auf Nidwalden – und auf ein Unterwalden, das seine besten Karten gemeinsam

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