20. September 2026, Wirzweli
Drei Beine – und die Frage, was uns trägt
Liebe Mitfeiernde
Wenn eine Regierungsrätin an einem Sonntag in einer Kirche ans Rednerpult tritt, könnte man vermuten, die Sitzungswoche werde einfach verlängert. Ich kann Sie beruhigen: Heute gibt es weder Anträge noch eine Abstimmung und meines Wissens wird auch kein Protokoll geführt.
Dafür stehen drei Begriffe auf unserer Traktandenliste, die es durchaus in sich haben: Dank, Busse und Gebet. Im politischen Alltag begegnen sie uns eher selten. Dabei führen sie mitten hinein in eine sehr politische und zugleich persönliche Frage:
Was hält eine Gemeinschaft zusammen, wenn nicht alle gleich denken, gleich glauben und gleich leben?
Darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken, als Politikerin, aber ebenso als Bürgerin und als Mitmensch.
Dazu habe ich keinen Bericht und auch keine PowerPoint mitgebracht. Dafür einen dreibeinigen Hocker.
Einen solchen Hocker findet man vielleicht noch in einem alten Bauernhaus, in einer Werkstatt, auf einem Estrich oder in einer Bar. Ein Schreiner würde uns erklären: Drei Beine haben einen besonderen Vorteil. Sie stehen auch auf einem etwas unebenen Boden erstaunlich sicher.
Und auch der Boden, auf dem wir als Gemeinschaft stehen, ist im Moment nicht ganz eben.
Vieles verändert sich. Gewissheiten nehmen ab. Die Welt scheint schneller, lauter und unübersichtlicher zu werden. Wir sprechen viel über das, was uns trennt und manchmal etwas wenig über das, was uns trotz aller Unterschiede verbindet.
Stellen wir uns deshalb unser Zusammenleben wie diesen Hocker vor.
Das eine Bein ist der Staat.
Das zweite ist die Kirche.
Das dritte ist die Gesellschaft und damit sind wir alle gemeint.
Keines dieser drei Beine kann den Hocker allein tragen. Und wenn eines meint, es sei wichtiger als die beiden anderen, beginnt die Sache ziemlich rasch zu wackeln.
Beginnen wir beim Staat.
Der Staat sorgt für Recht und Ordnung. Er schützt unsere Freiheit und unsere Sicherheit. Er muss unterschiedliche Interessen ausgleichen und Entscheide treffen.
Wir leben in einem Land, in dem wir unsere Meinung frei äussern, abstimmen, wählen und den Behörden widersprechen dürfen. Politische Konflikte werden mit Worten, Verfahren und Stimmzetteln ausgetragen.
Dafür dürfen wir dankbar sein.
Aber auch der Staat hat Grenzen.
Er kann Gesetze erlassen. Vertrauen kann er nicht verordnen.
Er kann Sozialleistungen ausrichten. Einsamkeit lässt sich damit allein nicht überwinden.
Und er kann einen Bettag in den Kalender schreiben. Ob wir tatsächlich innehalten, kann er nicht bestimmen.
Vielleicht erwarten wir heute manchmal zu viel vom Staat. Wenn irgendwo ein Problem auftaucht, kommt schnell die Forderung: Der Staat muss handeln. Der Staat muss regeln. Der Staat muss bezahlen.
Denn ein Staat, der für alles verantwortlich sein soll, muss am Ende auch alles regeln. Wollen wir das wirklich?
Auch wir in der Politik müssen uns fragen: Hören wir jene ohne Organisation und Mikrofon? Und vertreten wir notwendige Entscheide auch dann, wenn sie unpopulär sind?
Staatliche Verantwortung bedeutet nicht, jedem Wunsch zu entsprechen. Sie bedeutet, zuzuhören, abzuwägen, zu entscheiden und dabei das Ganze im Blick zu behalten.
Kommen wir zum zweiten Bein.
Ich habe gesagt: Das zweite Bein sei die Kirche.
Aber stimmt das überhaupt?
Ist es wirklich die Kirche – oder ist es nicht vielmehr der Glaube?
Kirche und Glaube sind nicht dasselbe.
Die Kirche ist sichtbar: mit Gebäuden, Ämtern und Glocken. Sie feiert Gottesdienste, begleitet Menschen und spricht öffentlich.
Der Glaube lässt sich weder anordnen noch herstellen. Er lebt im Menschen: als Vertrauen, Hoffnung, Beziehung zu Gott und als Überzeugung, dass unser Leben mehr ist als Planen, Leisten und Besitzen.
Die Kirche kann dem Glauben Raum, Sprache und Gemeinschaft geben. Aber sie besitzt den Glauben nicht.
Vielleicht können wir es so sagen: Am Hocker ist die Kirche das sichtbare Bein. Der Glaube aber ist die Kraft, die dieses Bein trägt.
Und damit kommen wir zu einer etwas kecken Frage:
Braucht der Glaube eigentlich die Kirche oder braucht vor allem die Kirche wieder mehr Glauben?
Der Glaube lebt auch ausserhalb kirchlicher Mauern: in Menschen, die hoffen, helfen, vergeben und Verantwortung übernehmen. Zugleich braucht er Orte, an denen Menschen miteinander beten, reden, zweifeln und feiern können.
Eine Kirche ohne gelebten Glauben wird leer. Ein Glaube ohne Gemeinschaft kann zur Privatsache werden. Kirche und Glaube brauchen sich deshalb wohl gegenseitig, dürfen aber nicht verwechselt werden.
Die Kirche ist nicht der Glaube. Sie ist eines seiner Häuser.
Entscheidend ist nicht nur, ob dieses Haus noch steht, ob das Dach dicht und die Rechnung ausgeglichen ist. Entscheidend ist, ob darin etwas lebt, das Menschen trägt und ob dieses Leben auch ausserhalb der Kirchenmauern spürbar wird.
Im politischen Alltag fragt die Kirche nicht nur: Was kostet es? Sie fragt auch: Was ist es uns wert? Nicht nur: Was ist erlaubt? Sondern auch: Was ist menschlich richtig?
Sie erinnert uns daran, dass jeder Mensch seinen Wert hat – unabhängig von Leistung, Einkommen, Alter oder Herkunft.
Aber auch die Kirche muss sich Fragen gefallen lassen:
Spricht sie eine Sprache, die Menschen verstehen? Hört sie auch jenen zu, die zweifeln oder Abstand genommen haben?
Ist sie nahe am Leben oder vor allem mit ihren eigenen Strukturen beschäftigt?
Eine Kirche, die nur sagt, was ohnehin alle hören wollen, wird beliebig. Eine Kirche aber, die nur Antworten gibt, ohne die Fragen der Menschen ernst zu nehmen, wird einsam.
Für die Menschen von Bedeutung bleibt eine Kirche, wenn sie den Mut hat, aus ihrer Überzeugung zu sprechen, auch wenn das unbequem ist. Dabei muss sie zuhören, ohne ihre Haltung aufzugeben, und offen sein, ohne beliebig zu werden.
Die Kirche kann die Glocken läuten. Hinhören müssen die Menschen selbst.
Und damit kommen wir zum dritten Bein: zur Gesellschaft.
Das sind nicht einfach «die anderen». Das sind wir.
Eine lebendige Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen nicht nur fragen: Was bekomme ich? Sondern auch: Was kann ich beitragen?
Gerade in unseren ländlichen Gebieten wissen wir eigentlich, wie das geht.
Wenn ein Fest organisiert wird, braucht es Menschen, die aufstellen, backen, grillieren, musizieren und am Ende auch wieder aufräumen.
Nur mit jenen, die am Schluss kritisch feststellen, die Bratwurst sei letztes Jahr grösser gewesen, lässt sich noch kein Fest durchführen.
Gemeinschaft lebt von Menschen, die anpacken: ein Amt übernehmen, einen Nachbarn besuchen, im Verein mithelfen oder merken, wenn jemand nicht mehr dabei ist.
Doch auch als Gesellschaft müssen wir selbstkritisch sein.
Wir beklagen den rauen Ton und verbreiten doch manchmal ungeprüft empörende Nachrichten.
Wir verlangen Lösungen vom Staat, möchten aber keine Einschränkungen.
Und wir wünschen uns Gemeinschaft, solange sie uns wenig kostet.
Das ist menschlich. Ich nehme mich davon nicht aus.
Der Bettag lädt uns ein, nicht zuerst die Fehler der anderen aufzuzählen.
Er lädt uns zur Busse ein.
Busse ist ein altes Wort. Es klingt streng und ein wenig nach Strafzettel. Gemeint ist aber etwas Tieferes: innehalten, das eigene Handeln ehrlich betrachten und bereit sein, die Richtung zu ändern.
Nicht zuerst fragen: Was machen der Staat, die Kirche oder meine Mitmenschen falsch?
Sondern:
Wo trage ich selbst zu dem bei, was ich beklage?
Höre ich noch zu?
Und welche Verantwortung überlasse ich zu schnell den anderen?
Dank, Busse und Gebet; auch das ist ein Dreiklang.
Dankbarkeit schützt uns davor, alles Gute für selbstverständlich zu halten.
Busse schützt uns davor, die Schuld immer nur bei den anderen zu suchen.
Und das Gebet erinnert uns daran, dass nicht alles in unserer Hand liegt.
Gerade für die Politik ist diese Einsicht wichtig. Sie muss handeln, aber auch wissen, dass sie nicht alles lösen, planen und kontrollieren kann.
Vielleicht täte uns allen etwas mehr Demut gut.
Nicht jene Demut, die klein und mutlos macht. Sondern eine Demut, die sagt:
Ich trage Verantwortung, aber ich besitze nicht die ganze Wahrheit.
Ich entscheide nach bestem Wissen, aber ich kann mich irren.
Ich habe eine klare Haltung, aber ich bin bereit, dem anderen zuzuhören.
So kehre ich zu unserem dreibeinigen Hocker zurück.
Der Staat sorgt für Regeln, die für alle gelten, und muss auch die leisen Stimmen hören.
Die Kirche gibt dem Glauben Raum, Sprache und Gemeinschaft – und muss sich immer wieder fragen, ob sie diesem Glauben auch wirklich dient.
Wir Menschen machen Gemeinschaft lebendig. Wir dürfen die Verantwortung dafür nicht einfach an Staat und Kirche weiterreichen.
Wir brauchen einander. Nicht weil wir immer gleicher Meinung wären, sondern weil jeder etwas einbringt, das die anderen nicht ersetzen können.
Ob Staat, Kirche und wir alle diesen Hocker wirklich tragen, zeigt sich im Alltag: Jeder muss seine Aufgabe erfüllen, seine Grenzen kennen und den Mund aufmachen, wenn unser Miteinander gefährdet ist.
Der heutige Tag gibt uns keine fertigen Antworten. Das muss er auch nicht.
Aber vielleicht begleiten uns drei Fragen nach Hause:
Was verdanke ich anderen?
Wo sollte ich meine Haltung oder mein Handeln überprüfen?
Und welche Verantwortung kann ich nicht länger dem Staat, der Kirche oder «der Gesellschaft» überlassen, weil sie ganz konkret auch meine ist?
Ein dreibeiniger Hocker steht erstaunlich sicher; selbst auf unebenem Boden.
Aber nur, wenn alle drei Beine tragen.
Ich wünsche uns, dass wir dazu unseren Beitrag leisten: als Staat, als Kirche und als Menschen, die miteinander Gesellschaft sind; getragen von Vertrauen, Hoffnung und Glauben.
KAKA 17.09.2026