9. Biedermeier-Fest, 6. September 2026, Heiden Appenzell


6. September 2026

9. Biedermeier-Fest, 6. September 2026, Heiden Appenzell

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir befänden uns nicht im Jahr 2026, sondern im September 1838.

Wo wir heute dieses prächtige Dorf sehen, liegen Asche und Schutt. Der verheerende Brand hat weite Teile von Heiden zerstört. Häuser, Werkstätten und persönliche Erinnerungen sind innerhalb weniger Stunden verloren gegangen. Viele Menschen stehen vor dem Nichts.

In einer solchen Situation drängt sich zunächst eine Frage auf:

Was haben wir verloren?

Doch die Menschen von Heiden mussten sich sehr bald einer anderen, noch entscheidenderen Frage stellen:

Was wollen wir gemeinsam wieder aufbauen?

Geschätzte Festgemeinde
Sehr geehrte Damen und Herren

Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, heute als Landammann des Gastkantons Nidwalden bei Ihnen zu sein. Ich überbringe Ihnen die herzlichen Grüsse der Nidwaldner Regierung und der Nidwaldner Bevölkerung.

Wenn wir heute durch Heiden gehen, sehen wir festlich gekleidete Menschen, historische Kutschen, kunstvolles Handwerk und ein Dorf, das uns für ein Wochenende in eine andere Zeit versetzt. Das Biedermeier wird lebendig – mit viel Liebe zum Detail, mit Begeisterung und mit einem eindrücklichen Engagement der ganzen Bevölkerung.

Doch hinter den schönen Kleidern, den gepflegten Häusern und dem festlichen Treiben liegt eine tiefere Geschichte.

Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die nach einer Katastrophe nicht resignierte.

Die Menschen von Heiden hätten nach dem Brand versuchen können, möglichst rasch zum früheren Zustand zurückzukehren. Sie hätten jedes Haus wieder dort errichten können, wo es zuvor gestanden hatte. Sie hätten sich am Verlorenen orientieren können.

Doch sie entschieden sich für einen anderen Weg.

Sie bauten ihr Dorf nicht einfach wieder auf. Sie dachten es neu.

Dafür brauchte es Mut. Es brauchte Planung und Weitsicht. Vor allem aber brauchte es die Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse mit jenen der Gemeinschaft in Einklang zu bringen.

Denn ein Dorf lässt sich nicht Haus für Haus neu denken. Es braucht gemeinsame Vorstellungen: über Strassen und Plätze, über Sicherheit, über das Zusammenleben und darüber, wie Zukunft gestaltet werden soll.

Das heutige Ortsbild von Heiden ist deshalb weit mehr als eine schöne historische Kulisse. Es ist das sichtbare Ergebnis eines gemeinsamen Kraftaktes. Es erzählt davon, was möglich wird, wenn Menschen Verantwortung übernehmen – nicht nur für sich selbst, sondern auch füreinander und für das Ganze.

Wenn wir an das Biedermeier denken, entstehen in unseren Köpfen rasch bestimmte Bilder: elegante Gewänder, stilvolle Möbel, gepflegte Stuben und vielleicht auch ein wenig behagliche Häuslichkeit.

Das alles gehört dazu.

Aber es greift zu kurz.

Die Menschen jener Zeit lebten in einer Welt, die von tiefen Umbrüchen geprägt war. Hinter ihnen lagen Revolutionen, Kriege und politische Neuordnungen. Vertraute Sicherheiten waren ins Wanken geraten. Grenzen und Machtverhältnisse hatten sich verändert.

Die Menschen suchten Halt und Verlässlichkeit. Sie fanden diese nicht nur im Privaten, sondern auch in der Familie, in der Nachbarschaft, in Vereinen, in Gemeinden und in einem neu erwachenden bürgerlichen Verantwortungsbewusstsein.

So gesehen war das Biedermeier nicht einfach eine Zeit des Rückzugs. Es war auch eine Zeit, in der Vertrauen und Gemeinschaft neu aufgebaut wurden.

Und plötzlich ist uns diese Epoche gar nicht mehr so fremd.

Auch wir leben in einer Zeit grosser Veränderungen. Gewissheiten, die lange selbstverständlich schienen, werden infrage gestellt. Internationale Konflikte, technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen fordern uns heraus. Vieles ist komplexer geworden, manches unübersichtlicher und die Antworten sind selten einfach.

In solchen Zeiten wächst die Versuchung, sich zurückzuziehen. Oder die Verantwortung an andere weiterzugeben: an den Staat, an die Politik, an die Wirtschaft, an die Wissenschaft – an irgendjemanden, der es hoffentlich richten wird.

Die Geschichte Heidens erinnert uns daran, dass eine Gemeinschaft auf diese Weise nicht entsteht.

Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen bereit sind, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen.

Diese Haltung verbindet Heiden und Nidwalden stärker, als es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Natürlich haben wir einiges gemeinsam: die überschaubaren Verhältnisse, die Nähe zur Natur, eine eigenständige politische Kultur – und vermutlich auch eine gewisse gesunde Skepsis gegenüber allem, was von weit her kommt und vor Ort nicht recht zu überzeugen vermag.

Vor allem aber verbindet uns das Wissen, dass ein Gemeinwesen von der Mitwirkung seiner Bürgerinnen und Bürger lebt.

In überschaubaren Verhältnissen wird besonders sichtbar, dass der Staat nicht irgendeine ferne Einrichtung ist. Der Staat – das sind letztlich wir alle. Es sind die Menschen, die politische Ämter übernehmen, sich in Vereinen engagieren, Nachbarschaftshilfe leisten, Traditionen weitertragen oder ein Fest wie dieses auf die Beine stellen.

Gerade das Biedermeierfest macht eindrücklich sichtbar, wie viel entstehen kann, wenn viele ihren Beitrag leisten. Die einen nähen Gewänder, andere organisieren den Umzug. Manche kümmern sich um Gäste, Musik, Verpflegung oder Sicherheit. Wieder andere halten im Hintergrund all jene Fäden zusammen, die wir als Besucherinnen und Besucher gar nicht sehen.

Das Ergebnis ist mehr als die Summe dieser einzelnen Beiträge.

Es ist gelebte Gemeinschaft.

Dafür gebührt allen Organisatorinnen und Organisatoren, den zahlreichen Helferinnen und Helfern, den Vereinen, den Mitwirkenden und der Bevölkerung von Heiden mein grosser Respekt und mein herzlicher Dank.

Auch Nidwalden darf sich als Gastkanton in dieses Fest einbringen. Wir tun dies mit Freude, mit Stolz und vor allem mit grosser Wertschätzung für die Einladung. Gast zu sein bedeutet nicht nur, empfangen und bewirtet zu werden. Gast zu sein bedeutet auch, sich auf den Gastgeber einzulassen, ihm aufmerksam zu begegnen und etwas von sich selbst mitzubringen.

So begegnen sich an diesem Wochenende zwei Kantone, zwei Geschichten und zwei eigenständige Traditionen. Dabei entdecken wir nicht nur Unterschiede, sondern auch Verbindendes.

Vielleicht liegt gerade darin eine weitere, sehr schweizerische Form der Verantwortung: die eigene Identität zu pflegen, ohne sich gegenüber anderen zu verschliessen. Selbstbewusst zu sein, ohne sich selbst genug zu sein. Eigenständig zu bleiben und dennoch das Gemeinsame zu suchen.

Unsere föderale Schweiz lebt seit jeher von diesem Spannungsfeld.

Verantwortung bedeutet dabei nie Besitz.

Ein politisches Amt gehört der Person, die es ausübt, ebenso wenig wie ein Dorf oder ein Kanton einer einzelnen Generation gehört. Verantwortung wird uns anvertraut – für eine bestimmte Zeit. Wir übernehmen etwas von jenen, die vor uns waren, gestalten es nach bestem Wissen und Gewissen und geben es an jene weiter, die nach uns kommen.

Die Menschen, die Heiden nach dem Brand von 1838 wieder aufbauten, konnten nicht wissen, dass wir beinahe zweihundert Jahre später hier stehen und ihr Werk bewundern würden.

Sie bauten dieses Dorf nicht für ein Biedermeierfest.

Sie bauten es auch nicht nur für sich selbst.

Sie bauten es für ihre Kinder und Enkel – und damit letztlich für Menschen, die sie niemals kennenlernen würden.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Definitionen von Verantwortung:

Etwas so zu gestalten, dass andere darauf aufbauen können.

Das gilt für ein Haus. Es gilt für ein Dorf. Es gilt für unsere politischen Institutionen, für unsere Gemeinschaft und für unser Land.

Wir alle tragen diese Verantwortung nur auf Zeit. Aber die Art, wie wir sie wahrnehmen, wirkt weit über unsere eigene Zeit hinaus.

In diesem Sinne feiern wir heute nicht nur eine vergangene Epoche. Wir feiern den Mut zu einem Neuanfang. Wir feiern Gemeinsinn, Weitsicht und die Kraft einer Gemeinschaft.

Und wir feiern Menschen, die Verantwortung übernommen und damit Zukunft möglich gemacht haben.

Als Gastkanton sind wir in Heiden mit grosser Herzlichkeit empfangen worden. Dafür möchten wir nicht nur mit Worten danken. Im Namen des Kantons Nidwalden darf ich Ihnen deshalb ein Geschenk überreichen: Eine Früchteplatte aus der Glasi in Hergiswil.

Es soll ein sichtbares Zeichen unserer Wertschätzung und unserer Verbundenheit sein – und zugleich eine Erinnerung an die Begegnung zwischen Heiden und Nidwalden an diesem besonderen Biedermeierfest.

Sehr gerne überreicht meine Kollegin Regierungsrätin Michèle Blöchliger, sie hat von Nidwaldner Seite den Anlass koordiniert, dafür danke ich ihr von Herzen im Namen des Nidwaldner Volkes, dieses Geschenk nun an den OK-Präsidenten Norbert Näf – verbunden mit einem herzlichen Dank für die Einladung und die wunderbare Gastfreundschaft.

 

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