Eines meiner Ziele 2017 – in diesem Jahr meines 50. Geburtstags – war es, die Grenzen von Nidwalden zu umwandern. Ich habe sie in 17 Etappen geteilt, wir wanderten im Juni, Juli und August 2017. Schön, wie viele Leute mitgekommen sind.
 
Zu den Etappen habe ich jeweils einen Bericht publiziert, mit Fotos. So erfahren Sie etwas, wenn Sie mögen, zur Wanderung und zu meinen politischen Gedanken zum Thema Grenzerfahrung. Lesen Sie gleich unten.
 
Etappe 1: Volligen - Niderbauen Station

Samstag, 3. Juni 2017

Route: Volligen-Spreitenbach-Seelisberg-Brennwald-Dürrensee-Schellenberg-Tritthütte-Niderbauen Station

Höhenmeter: 1550 aufwärts, 400 abwärts
Distanz: 12 km
Marschzeit: 6 Std
Schwierigkeit: T2 


Etappe 1: Volligen - Niderbauen Station
Ein kurzer Ruck und ein feines Quietschen lässt die Standseilbahn Treib-Seelisberg stillstehen. Endstation – und Start zu unserer ersten Etappe der «Grenzerfahrung Nidwalden». Was erwartet uns auf dieser Reise entlang der Grenze von Nidwalden?

Wo genau sind die Grenzen?
Der Start ist unwegsam, er ist nur über das ausgetrocknete Bachbett des Spreichtenbächlis zu erreichen. Wir kommen dann gut voran, steigen in die Höhe, doch manchmal wissen wir gar nicht genau, wo wir uns befinden: Die Grenzen sind nicht überall klar ersichtlich. Vielfach hilft ein Gespräch mit Ortsansässigen. So führt uns ein Gespräch mit dem Äbnet-Bewohner zur Entscheidung, den weiteren Weg zwischen Zingel- und Stützberg über den Litenfad zu suchen. Steil ist es, rutschig und gar manchmal müssen wir auf allen Vieren den Berg hinauf.

Das Ziel in Sicht
Umso schöner ist es auf dem Felsen des Brennwaldes. Durch die buschige Wildnis gelangen wir ans helle Licht, der Blick öffnet sich auf unser Ziel: den Niderbauen. Also, weiter zum Hattig, von wo es auf dem schmalen Pfad durch den Schellenberg wieder gut ansteigt. Steile Felswände lassen uns von der Grenze abweichen, über die „Häywhittli“ erreichen wir die Tritthütte über die Felsenbänder. Ein kurzes Stück noch bis zu unserem Ziel, dem Gipfel des Niderbauens. Gleichzeitig mit den dunklen Gewitterwolken treffen wir ein, müde und glücklich auf dem Gipfel hoch über dem Vierwaldstättersee. Ein kurzes Gratulieren und ein Gipfelfoto und schon geht’s weiter über den Hundschopf. Ein letztes Mal der Grenze entlang zurück zur Bergstation Niderbauen, wo uns die lachenden und fröhlichen Gesichter einer Hochzeitsgesellschaft empfangenen.

Ein Gesetz mit Grenzen
Während ich meine Grenzwanderung geplant habe, ist auch die Totalrevision des Bürgerrechtsgesetzes gestartet: eine Anpassung an das Bundesgesetz auf kantonaler Ebene. Ein Gesetz von vielen. Aber ein Gesetz, welches sich mehr als andere mit Grenzen befasst: Grenzen definieren, setzen, erweitern, aufweichen, stärken. Landauf, landab wird darüber gestritten, wie und wer in der Schweiz eingebürgert werden soll. Sollen die Hürden für den roten Pass in den Himmel reichen? Oder soll der rote Teppich ausgelegt werden? Dies müssen und wollen wir diskutieren, um den Gesetzesentwurf «kantonales Bürgerrechtsgesetzt» zu verfassen. Im Regierungsrat und im Landrat gibt es viele verschiedene Meinungen, nicht immer ist Übereinstimmigkeit zu finden. Kaum ein anderes Thema wird politisch und emotional so stark ausgeschlachtet wie die Einbürgerung. Oft drückt der Unmut über die Ausländerpolitik durch.

Eine Wanderung mit Grenzen
Diese Themen – Grenzen bestimmen, seinen eigenen Raum bewahren und dem Innern Schutz geben – sind Themen in der Politik und auch auf unserer Wanderung. Nicht immer war es einfach, ganz genau auf Nidwaldner Boden den Grenzen entlang zu gehen. Zu unserem eigenen Schutz mussten wir die Grenzen überschreiten oder von der Grenze Abstand nehmen. Manchmal schafften wir den Übergang über die Grenze nicht: Steile Felswände, Privateigentum oder wirr gelegte Elektrozäune zwangen uns zum Umweg. Und manchmal wussten wir gar nicht genau, wo wir uns befanden: Die Grenzen sind nicht überall klar ersichtlich.

Fragen und zuhören
Dieses Gespräch bot sowohl uns wie auch unserem Gegenüber Einblick in die jeweiligen Anliegen und Haltungen. Und genau so ist es auch für mich in der politischen Arbeit: Eine offene Haltung ist unabdingbar. Auch und besonders in Bezug auf Neues und Unbekanntes. Diese Haltung hilft uns, unsere eignen Werte – Grenzen – zu erkennen. Und sie hilft uns, diese Werte zu reflektieren, sie zu pflegen und weiter zu vermitteln. Das scheint mir der beste Weg, wie wir alle zusammen gut weiterkommen – und unsere Bürgerrechte mit Offenheit und Sachverstand diskutieren.

Ja, so war es
Schön war sie, diese erste Grenzerfahrung Nidwalden. Highlights gab es einige: natürlich, auf dem Gipfel anzukommen, das Panorama und das Gespräch mit dem Äbnet-Bewohner, der uns half, die Grenzen einzuschätzen und uns richtig zu entscheiden.



Etappe 2: Niderbauen Station - Klewenalp

Montag, 5. Juni 2017; verschoben auf Donnerstag, 15. Juni

Treffpunkt und -zeit: Wir nehmen die Bahn um 7.00 Uhr von Emmetten nach Niderbauen. Die Gäste empfangen wir dann an der Bergstation, sofern sie nicht schon mit uns hochgefahren sind.

Route: Niderbauen Station-Niderbauen-Oberbauen-Zingel-Schwalmis-Klewenalp

Höhenmeter: 1300 aufwärts, 1300 abwärts
Distanz: 16 km
Marschzeit: 6.5 Std
Schwierigkeit: T4 

 
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Etappe 2


Etappe 2: Niderbauen Station - Klewenalp
Es ist das Bimmeln der Kuhglocken, das mich aus dem Schlaf holt, langsam in den Tag begleitet. Die Nacht verbrachten wir im Berggasthaus Niderbauen, und während die Kühe der Alp Tritt sich an den Alpenkräutern genüsslich tun, geniessen wir das Frühstück auf der Terrasse.

Anita und Hansruedi
Heute empfangen wir zwei Gäste für unsere zweite Etappe an der Bergstation. Anita und Hansruedi haben unsere Wanderung auf der Homepage entdeckt und sich spontan angemeldet. Der Nebel zieht durch die Berge und hüllt wieder und wieder die Landschaft in Watte. Gespannt ziehen wir los, haben den Schritt bald gefunden, steigen stetig an zum Schwirren. Ein phänomenales Schauspiel bietet sich uns immer wieder, sei es auf dem Grat oder den Gipfeln: Oberbauenstock, Gandispitz, Schwalmis. Mal sind wir eingehüllt in die Nebelschleier, um dann überraschend wieder den Durchblick zu bekommen in diese Weite, die sich vor uns öffnet. Unglaublich beeindruckend ist dieses Panorama, und es lässt auch Hansruedi, der sich ja aus Frutigen einiges Schönes gewohnt ist, immer wieder staunen; die Grenzen von Nidwalden sind spannend und faszinierend.

Schlängelnder Weg
Wir wandern. Mal von angeregten Gesprächen begleitet, mal stillschweigend. Jeder in seinen Gedanken versunken, staunend über das Wechselspiel von Sonne und den wandernden Wolken. Der Weg ist schmal und häufig ausgesetzt. Scheint die Sonne, kann unser Blick dem schlängelnden Weg folgen, hoch zu unserem Ziel. Hüllen uns die Wolken ein, so müssen wir uns orientieren und unsere Schritte noch bedachter setzen.

Widerstand, unerwartet
Während dem Wandern ziehen immer wieder Themen durch meinen Kopf, die mich in meiner politischen Arbeit beschäftigen. So zum Beispiel der "Ersatzbau Süd" auf dem SWISSINT-Gelände. Es ist, als durchwandere ich heute dieses Geschäft nochmals. Ziel ist der Neubau der kombinierten Halle für Militär und zivile Nutzung, dieses Ziel stand für alle Beteiligten fest, auch zeichnete sich ein Weg zu diesem Ziel ab. Gewiss, es wurde an jeder Wegkreuzung immer wieder abgewogen, welcher Pfad der sinnvollste sein wird. Mit klarem Blick zum Ziel voranschreitend, zogen plötzlich Nebelwolken auf. Völlig unerwartet wurde Widerstand aus dem Parlament gegen das Projekt laut, er umhüllte dieses Geschäft.

Politische Gratwanderungen
Der Weg erscheint auf einmal unsichtbar, das Ziel verhüllt, es zu erreichen, ist noch schwieriger und anspruchsvoller. Jeder Tritt, jeder Entscheid wird mit noch mehr Bedacht gefällt, denn ein Fehltritt führt zum Absturz. Politische Geschäfte, wie zum Beispiel der "Ersatzbau Süd", sind vielfach Gratwanderungen. Es ist wichtig, den Weg zum Ziel gut im Auge zu behalten, aber auch aufziehende Gewitterwolken, Nebelschwaden zu erkennen und ernst zu nehmen. Setzen sie sich nämlich fest, bleibt einem das Weitergehen verwehrt, schenkt man ihnen genügend Beachtung, können sie sich lichten und der Weg zum Weitergehen öffnet sich.

Wille, Verständnis
Im Moment hängen sie noch fest, die Nebelschleier um das Projekt "Ersatzbau Süd", aber ich bin zuversichtlich, dass wir mit gemeinsamem Willen und gegenseitigem Verständnis den Weg zum Ziel finden. – So wie jetzt. Diese Aussicht!


Etappe 3: Klewenalp - Niederrickenbach

Sonntag, 25. Juni 2017

Treffpunkt und -zeit: Wir treffen uns um 8.00 an der Talstation der Klewenalpbahn. Wir freuen uns!

Route: Klewenalp-Hinterjochli-Risettenstock-Steinalperjochli-Brisen-Hohbrisen-Haldigrat-Alpboden (Sesselbahn)-Niederrickenbach

Höhenmeter: 1000 aufwärts, 650 abwärts
Distanz: 12 km
Marschzeit: 5 Std
Schwierigkeit: T2 

 
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Der Zauber des Nebels
Nur die Regentropfen sind zu Gast auf der Panoramaterrasse der Klewenalp. Drinnen wartet eine Schar Wanderer auf einen trockenen Moment, bei Kaffee, Gipfeli und Zeitung. Wir wollen los, hoch zum Brisen, die Ungeduld steht allen ins Gesicht geschrieben.

Und los geht’s
Endlich. Die Regentropfen hören auf zu tanzen, machen eine Pause, und die in bunte Regenkleider gepackte Gruppe verschwindet allmählich im Grau des Nebels. Wir sind auf dem Weg zum Chälen-Riseten. Meine Freude ist gross, mit den zehn Freunden loszuziehen. Alle haben sich aufgemacht, um mit mir auf diesen Weg der Grenzerfahrung zu gehen. Die einen sind mehr, die anderen weniger berggewandt, aber alle sind sie motiviert und in bester Stimmung. Beim Aufstieg zum Riseten verstummt das muntere Geplapper, die Schweisstropfen kullern, die Muskeln stehen unter Dauerbelastung. Der Nebel, der sich vorher etwas gelichtet hat, hüllt die Gruppe schnell wieder ein. Der Wind pfeift durch alle Kleiderschichten.

Nachrichten aus dem Tal
Es kommen Grüsse per SMS: Man sitze wohlig zuhause an einem gut gedeckten Frühstückstisch, verbringe etwas Zeit auf dem kuschligen Sofa, hoffentlich hätten wir in den Bergen auch Spass. Solche Nachrichten lassen bei manchen ein kurzes Hadern aufflackern. Aber nicht lange. Ein motivierendes Wort von hier, ein wärmender Pullover von da, ein Powerriegel von dort, all das hält die Stimmung hoch. Sogar Christine ist wieder bester Stimmung: Sie hat statt ihres Knieschoners den Nierenschoner eingepackt, ein frühmorgendliches Versehen, doch kann Christines "lodeliges" Knie mit einem Halstuch von Luzia stabilisiert werden. Den steilen Abstieg vom Riseten zum Glattigrat kann Christine locker hüpfend geniessen.

Dann doch: Abbruch
Die Kälte und der dicke Nebel aber, sie sind heute stärker als der Wille zum Ziel. Die Gemütlich- und Geselligkeit haben eine starke Triebkraft. Und so treten wir den Weg unter den Nebel an. Die feinen Kaffees vom Brisenhaus laden uns zum Verweilen ein. Die Sonne ist es dann, die uns alle weiterziehen lässt. Auf dem Weg zum Pilgerhaus verwöhnt sie uns bereits wieder mit Wärme, und wir geniessen den Blick in die Weite.

Fröhlich ausklingen lassen
Ein solch sonniger Abschluss der Tour muss gefeiert werden, der Aufenthalt auf der Terrasse des Restaurants Pilgerhaus erweist sich dazu als ideal. Die freundliche Bedienung und all diese leckeren Kuchen, da bleiben wir gerne munter sitzen und reden und geniessen, bis sich die Sonne hinter den Bergen verabschieden will.

Ein anderes Ziel erreicht
Unser Tagesziel haben wir nicht erreicht. Ein Wegstück davon fehlt uns noch. Aber alle sind sich einig, wir stehen heute trotz Nebel auf der Sonnenseite. Die Wanderung hat uns viel gebracht: Geselligkeit, Freundschaft und Freude. Ob wir diese Gefühle auch gehabt hätten, wenn wir den Weg durch den Nebel zum Gipfel doch noch zurückgelegt hätten, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass wir alle bereichert nach Hause zurückgekehrt sind, bereichert durch Zufriedenheit und Wohlbehagen.

Wieder in den Tritt kommen
Gar oft bestimmt das Programm das Tempo. Die Tagesziele sind klar gesetzt, sie müssen erreicht werden. Manchmal jedoch trübt sich dabei die Sicht, irgendein Nebel kommt auf, ein Regen muss durchgestanden werden, jemand braucht Hilfe oder einfach etwas Zuwendung. Das Vorwärtskommen wird zäh. In solchen Situationen könnte uns gerade die Erinnerung an unsere dritte Etappe ein Anlass sein, inne zu halten. Manchmal hilft es, mit dem Gegenüber etwas Geselligkeit zu geniessen. Das Wir ins Zentrum zu setzen.

Einfach einmal geniessen
Ja, eine Pause, ein "Etwas-anderes-Machen", lässt einen vielleicht auch im Alltag die Ziele auf eine andere Art einfacher erreichen.



Etappe 4: Oberrickenbach - Bannalp

Sonntag, 9. Juli 2017
mit Übernachtungsmöglichkeit im Berghotel Urnerstaffel

Treffpunkt und -zeit: 7.00 Uhr an der Talstation Spisseilbahn, wir freuen uns!

Spezielles: mit Übernachtungsmöglichkeit im Berghotel Urnerstaffel

Route: Oberrickenbach-Sinsgäu (Seilbahn)-Sinsgäuerjochli-Chaiserstuel-Bannalperschonegg- Bannalp

Höhenmeter: 900 aufwärts, 850 abwärts
Distanz: 8.5 km
Marschzeit: 4.15 Std
Schwierigkeit: T4 

 
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Punkt sieben Uhr ist klar, wer alles heute Morgen zur Tour mitkommt, wir freuen uns. Die Erde ist noch schwer vom Regen, der Dampf der Feuchtigkeit umgibt uns, während in den Grashalmen die letzten Tropfen glitzern. Der Nebel hebt sich wie ein Vorhang nach dem heftigen morgendlichen Gewitterregen.

Zehn frohe Wandervögel sind wir, und wir lassen uns von der Spiesbahn ins Sinsgäu schaukeln. Der eine und andere staunt über die altehrwürdige Seilbahn, die in letzter Zeit durch die Gründung des Seilbahnvereins viel Aufmerksamkeit erhalten hat.

Der Spies-Sepp ist im Element, er erzählt uns Gwundernasen von der heute überholten, aber nicht minder funktionstüchtigen Mechanik der Bahn. Nostalgie: Die Bahn wird von Hand beschleunigt und gebremst, gespannt schauen Daniel und Stefan zu, wie das geht.

Oben wandern wir los. Den ganzen Weg über das Sinsgäuer Jochli zum Sinsgäuer Pass sind wir bester Laune, munter in Gesprächen, viel Lachen ist zu hören. Und diese schöne Landschaft, wir staunen. Erst der Anstieg zum Kaiserstuhl lässt uns leiser werden, und jeder lässt für sich seinen Blick in die Weite schweifen. Doch auch wenn das Kraxeln am Berg anstrengend und der eine und andere froh ist, wenn kurz eine Pause zum "Uisäluege" angesagt ist: Alle sehen glücklich aus.

«Wandern macht glücklich», sagt man, und ich kann das nur unterschreiben. Es ist sogar erforscht, was genau zu diesem Gefühl beiträgt: Wir Menschen erleben Glücksmomente, wenn wir auf grüne Flächen schauen, denn Grün wirkt beruhigend. Auch gewundene, schmale Pfade erleben wir weltweit als schön und beglückend. Wir Menschen lieben die Abwechslung und das Geheimnisvolle. Und wenn eine Wanderung immer wieder Blicke auf Seen, Bäche, Flüsse oder Wasserfälle öffnet, tanzen unsere Glückshormone einen Reigen. Warum das so ist? Weil wir mit Wasser, so vermutet man, Urgewalt verbinden. Die Seele des Menschen ist eben nah am Wasser gebaut.

Und auch das: Angeblich soll Wandern sogar schlau machen, soll zumindest die Aktivität des Gehirns anregen. Auch die antiken Philosophen philosophierten im Gehen, bauten sich dazu Wandelhallen. Ums Philosophieren geht es uns heute aber nicht allein, schliesslich marschieren wir zu einem bestimmten Ziel, der Bannalp, und wir sind neugierig, was hinter der nächsten Wegbiegung lauert.

Phillip und Melchior entdecken die Überraschung. Zuerst einen, dann noch einen und immer mehr: Steinböcke, wir beobachten, wie sie stolz über den Felsrücken des Kaiserstuhls zum Bietstock ziehen.

Der Wind hat jetzt die letzten Wolken beiseitegeschoben, und wir geniessen unser Mittagessen im Abstieg zur Bannalper Schonegg. Zu den vielen Leckereien, die alle mitgebracht haben, entspringt Andreas Rucksack sogar noch ein feiner Tropfen Weisser Gutedel. Diesen Genuss lassen wir uns natürlich nicht entgehen.

Gut ausgebaut und in einen perfekten Zustand gebracht ist der Wanderweg, der uns zum Bergrestaurant Bannalp-See führt. Wenn das Wandern uns glücklich stimmt, dann bestimmt auch, weil wir hier bei uns im Kanton Nidwalden über ein bestens gepflegtes Wanderwegnetz verfügen. Dass dies nicht einfach so gegeben ist, von dem zeugen die Schaufeln und Pickel, die am Wegrand liegen. Ihre beiden Besitzer, die da gleich am Weg ihr Essen geniessen, haben heute schon einige Schweisstropfen verloren, um uns alle beim Wandern glücklich zu machen. Einen herzlichen Dank an all die fleissigen, unermüdlichen Wanderwegpfleger!

Ein Abschluss einer Wanderung könnte nicht schöner sein: Wir sitzen im Berggasthaus Bannalp-See, draussen öffnet Petrus seine Schleusen, legt einen dichten Regenvorhang über das Gebiet. Wir geniessen das Kafi, haben es uns erwandert, frohen Mutes, heiterer Stimmung.



Etappe 5: Bannalp - Brunnihütte

Donnerstag, 13. Juli Juli 2017
diese Etappe erleben wir mit einem Bergführer

Treffpunkt und Zeit: Die Wetterlage war uns zu unsicher, und so haben wir die Etappe vom Montag, 10. Juli, auf Donnerstag, 13. Juli verschoben. Bericht und Fotos? Runter scrollen!

Spezielles: diese Etappe erleben wir mit Bergführer Sepp Odermatt

Route: Bannalp-Schlittchuächä-Ruchstock-Laucherenstock-Sättelerstock-Rigidalstock Grosswalenstock-Brunnihütte

Höhenmeter: 1600 aufwärts, 1300 abwärts
Distanz: 12 km
Marschzeit: 9 Std
Schwierigkeit: Kletterei 4. Schwierigkeitsgrad 

 
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Liegt es an den Sommerferien? Oder an der Grenzwanderung von heute? Das Schreiben des Routenbeschriebes und des politischen Gedankens dazu fällt mir heute etwas schwer.

Ja, die Regierung hat die lange Sommerpause gestartet und den politischen Griffel auf's Pult gelegt. Selbstverständlich wird in den einzelnen Direktionen weitergearbeitet, so dass die Dienstleistungen gegenüber der Bevölkerung erfüllt werden können. Doch mit Verlaub, nistet sich während der Sommerpause eine gewisse Langsamkeit in den Alltag der Daheimgebliebenen. So darf es auch sein. Mit Bestimmtheit findet das Alltagsleben nach der Sommerzeit wieder seinen Rhythmus, motiviert und genährt von vielen erholsamen, spannenden, inspirierenden Erlebnissen aus den Ferien. Vielleicht geht es an manchen Ferientagen auch abenteuerlich zu und her – und meine Schreibmüdigkeit gründet in dieser Grenzwanderung, sie hat mich wirklich abenteuerliche Grenzen erfahren lassen.

Toll war es gestern, einmalig, eindrücklich und an die Grenzen gehend. Tage im Voraus schon streichen die anstehenden Herausforderungen dieser Schlüsseletappe durch meinen Kopf. Klar sind ich und Andreas in jüngeren Jahren viel geklettert, aber auch bei uns hinterlassen die Jahre ihre Zeichen, das Klettern im Gebirge gehört nicht mehr zu unserem Alltag.

Eine umso grössere Neugierde begleitet uns, während wir von der Bannalp zum Schlittkuchen steigen. Mit Sepp Odermatt, dem versierten Bergführer, knöpfen wir uns ans Seil und starten zu dieser kräftezehrenden Tour – der Grenze entlang über den Lauchernstock zum Sätteler bis zum Rigidalstock. Den Walenstock lassen wir für heute, die Tour ist lang und für die 700 Höhenmeter Abstieg sollte auch noch ein Hämpfeli Energie zur Verfügung stehen.

Die zehnstündige Tour zu beschreiben, bei der die Pausen kurz, das Tempo auf Vorwärtskommen ausgerichtet ist und die Energiezufuhr meist über einen Griff zum Ragusa in der Hosentasche verläuft, käme dem Erlebten kaum nah. Wie heisst es doch so bezeichnend: Bilder sagen mehr als tausend Worte.

So lade ich Sie ein, abzutauchen in die Welt an der Grenze zwischen Obwalden und Nidwalden: in die Welt betörender Einsamkeit, windiger Höhen, schroffer Felsen, unglaublichen Weitblicks, bald wieder mystischer Nebel, erschreckender Abgründe, steiniger Landschaften – und immer wieder farbiger Alpenblumenlebenskünstler.

Wer diese Voralpengiganten besucht, wird gefordert: Ausdauer, Konzentration, Schweiss und Kraft braucht es, Entschlossenheit und Vertrauen. Gleichzeitig wird man beschenkt, man erblickt die ursprünglichste Schönheit der Natur, erhält spannendsten Einblick in die Entstehung der Bergwelt. Die Stille, die Ruhe, diese unbeeindruckbare Gleichgültigkeit dieser Bergriesen – sie bescheren einem ein Gefühl von Demut, wenn der Blick über die in den Himmel gezackte Landschaft schweift.



Etappe 6: Bannalp - Grafenort

Samstag, 15. Juli 2017

Treffpunkt und Zeit: 8.45 Uhr an der Talstation der Luftseilbahn Fell-Chrüzhütte, Oberrickenbach

Route: Bannalp-Walegg-Brunniswald-Fang-Eschlen-Grafenort

Höhenmeter: 500 aufwärts, 1500 abwärts
Distanz: 13 km
Marschzeit: 5 Std
Schwierigkeit: T2 

 
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Es ist der dominant in den Himmel ragende Zahn der Bannalp, der unser Wandergrüppchen mit Rita, Ruedi und Hans heute begrüsst. Schon bei der Bergstation der Luftseilbahn Fell-Chrüzhütte erzählt uns Hans von seiner Skitour auf den Chaiserstuhl. Hans ist wohl unser ältester Begleiter auf der Grenzwanderung. Mit seinen achtzig Lenzen kann er uns von einigen Bergerlebnissen in dieser Gegend erzählen. Und er meint auch, wenn er mit seiner Wandergruppe unterwegs sei, da starte man immer nach dem Motto KAGI. Beim Restaurant Urnerstaffel lüftet sich auch das Geheimnis, welches hinter dieser Abkürzung steckt. Den KAffee und das GIpfli geniessen wir gerne und dann geht’s los.

Entlang des Walenpfades steigen wir hoch, die Bannalp ist ein wahres Kleinod. Im See spiegeln sich die Kulisse der Tannenzacken und das Spiel der Wolken. Das muntere Treiben im Spiegelbild des Sees lässt auch uns munter hochsteigen zur Oberalp, wo auch mein wohl treuester Begleiter der Grenzwanderung schon auf uns wartet: der Nebel. Husch noch gönnt er uns einen Blick auf die der Felswand entlang ziehenden Ziegen. Es sind spezielle Ziegen, Pfauenziegen, sie gehören zu der Bio-Alp Oberfeld, auf der Rita und Sepp Waser einzigartige Köstlichkeiten produzieren. Noch einige Alpkäsereien werden wir heute und auch morgen antreffen, und morgen möchte ich dann genau zu diesem Thema etwas schreiben.

Jetzt hat uns der Nebel ganz eingepackt, wir sind froh um den guten Weg, der uns sicher zum Walegg bringt. Nebel- und Schweisstropfen netzen uns gleichzeitig, und gross ist die Freude, als hinter dem Walegg sich langsam der Nebel lichtet. Der Ausblick ist grandios und lässt uns staunen. Ab der der Walenalp wird das Gelände unwegsamer, und der weiche, mit Moos überwachsene Baumstrunk lädt uns ein zur Mittagsrast. Über Stock und Stein, über Alpweiden und Schilterwege steigen wir dem Brunniswald entgegen. Auch Hans steigt wacker mit. Kein wirklicher Weg zieht entlang der Kantonsgrenze, und wir werden vom Gelände gefordert. Mal sind es Felsbänder, die uns zu einem kleinen Umweg zwingen, dann sind es moorige, sumpfige Wiesen, bald sind die Schuhe auch innen voll von Matsch.

Hier auf dem Weg über das Fang zur Eschlenflue wird sichtbar, wie eigenartig die Grenzen manchmal verlaufen. Mal zeichnet sie da eine Ecke, mal grenzt sie dort einen Spickel Land vom Nachbarkanton ab. Schlüssig erscheint uns der Verlauf dieser Grenzlinie nicht; es wäre spannend zu wissen, wie genau diese Linien entstanden sind. Vermutlich haben hier die Eigentumsverhältnisse der Klosterbesitztümer massgeblich zum Grenzverlauf beigetragen.

Die Grenze zwingt uns, manchmal Höhenmeter zu vertilgen, um dann auf der anderen Wiesenseite wieder aufzusteigen. Nicht selten ist das Gebiet ungemein gut eingezäunt, so dass wir uns üben: im Zäune-Übersteigen und im Unten-Durchkriechen. Einer der dies mit Ausdauer und Eleganz mitmacht ist unser Hans.  Da, schon fliegen seine Wanderstöcke wieder über den "Hag", und er robbt mit seinen achtzig Lenzen geschickt unter dem Stacheldraht durch. Während einer Pause am Wegesrand, teile ich ihm mit, wie ich über seine Beweglichkeit und seine Ausdauer staune. Ob der Weg ihn nicht an seine Grenzen bringe und wie er es schaffe, mit seinem pensionären Alter noch so fit zu sein? Da meint er mit einem über das Gesicht huschenden Lachen trocken in seinem Berndeutsch: "Wenn im Auter no ebbis wotsch chönnä mache, de muesch im ganze Läbe öbbis derfür da ha.“ Dieser Satz begleitet mich auf dem ganzen Abstieg und viele Zäune sind noch zu überwinden, bis wir durch den Eschlenwald um den Haslidössen in die Alzellerberge gelangen.

Ja, die Aussage mag mich überzeugen. Wenn wir mit achtzig noch in der Lage sein wollen zu gehen, müssen wir uns im ganzen Leben körperlich bewegen. Bewegung ist sozusagen eine Investition ins Leben. Wenn wir mit achtzig noch beweglich im Geist sein wollen, dann müssen wir uns auch im Alltag fit halten. Klar gibt es keine Garantie, aber körperliche und geistige Bewegung sind gewiss vielversprechende Wege, wie uns viele Beispiele zeigen.

Begegnen wir dieser Investition in die Zukunft nicht immer wieder in unserem politischen Alltag? Ja, ganz bestimmt. Unsere Gesellschaft und unsere Umwelt verändern sich unaufhaltsam. So kann zum Beispiel ein Schutzwald nur seinen Zweck erfüllen, wenn auch frühzeitig in diese Aufgabe investiert wird. Gesundheitsverständnis und Eigenverantwortung können nur erreicht werden, wenn auch die Gesundheitskompetenz frühzeitig gefördert wird. Auch Sicherheit, sei es auf der Strasse oder in der Gesellschaft, ist nicht einfach gegeben. Es braucht ständigen Einsatz.

Sollen die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft leben, so müssen zukunftsgerichtete Projekte gefördert werden. Wollen wir, dass das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Politik nicht schwindet, so müssen wir täglich etwas dazu beitragen. Unsere Aufgabe: Beständig investieren, und zwar in die Potenziale unserer Zukunft.



Etappe 7: Grafenort - Trüebsee

Sonntag, 16. Juli 2017

Treffpunkt und Zeit: 8.30 Uhr am Bahnhof Grafenort, wir freuen uns!

Route: Grafenort-Gehren-Boden-Mettlen-Schluchtweg-Eggeli-Heitibüel-Undertrüebsee-Älperseil- Bitzistock-Trüebsee

Höhenmeter: 1100 aufwärts, 200 abwärts
Distanz: 11 km
Marschzeit: 5 Std
Schwierigkeit: T2 

 
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Grob gesehen, zeichnet das Aawasser heute unsere Grenze. Denn weil auch auf dieser siebten Etappe die Kloster-Herrschaft ihre Spuren hinterlassen hat, muss als Erstes die Hüttis- und Hasenmatt umwandert werden, und dann treffen wir wieder auf den Flusslauf und gehen der Schlucht entgegen.

Diese etwas sanftere Route zieht eine Wanderbande von elf Leuten an. Plaudernd gehen wir los, der Grenze entlang, nur die steile Schlucht bringt einige Pausen in die Sätze. Ich freue mich: Obwohl sich einige der heutigen Grenzwanderer nicht kennen, ist die Stimmung beschwingt, und bei manchem Thema kommen die einen und anderen sich näher, lernen sich kennen, finden Gemeinsamkeiten.

Zu berichten gibt es viel, und so ist der Anstieg zum Untertrübsee auch bald überwunden. Dann wird es unwegsam, doch Andreas kennt die Grenzsteine, er führt uns nahe dem Arnibach und dem Eggli über die Matten und durch die Wälder. Unsere Kantonsgrenze zieht sich gar manchmal durch Orte, durch die nur wenige Wanderer ihre Wege finden, und so überrascht es auch nicht, wenn manch Bauer oder Älpler unserer Gruppe erstaunt entgegen schaut; mal eher skeptisch und reserviert; mal gut gwundrig und fragend.

Wie auf der gestrigen Wanderung treffen wir auch heute auf Alpbetriebe, auf denen wunderbare landwirtschaftliche Produkte hergestellt werden, eigentlich sind es ja Delikatessen. Gestern auf der Bioalp Oberfeld entlang dem Walenpfad, auf der Walenalp, und heute im Trübsee und auf der Gerschnialp, vor den Älplertüren werden sie angepriesen, diese Köstlichkeiten, manchmal in kraxliger Zier oder in schön geformter Schrift: Alpkäse zu verkaufen. Sbrinz, Mutschli, Rahm oder Alpenbutter. Das Zvieriplättli, frisch serviert, bietet auf dem einen Holzbrettli gluschtige Ziegenwurst und auf dem anderen Holzbrettli locken Rohmilchkäse verschiedenster Art. Neben den Alphütten sehen wir die Kühe weiden: frische Gräser, Blumen und wilde Kräuter. Uns geht das Herz auf, wir sind an einem Ort, an dem köstlichste Naturprodukte hergestellt werden, umsichtig, liebevoll.

In einer Waldlichtung lassen wir uns alle nieder zum Mittagsrast und nun werden sie ausgepackt, die Leckerbissen, die sich im Rucksack versteckten. Auch ein feiner Tropfen, diesmal aus der Genferseeregion, verfeinert unsere Rast, es entwickelt sich eine rege Diskussion über die Regionalität der Produkte. Erinnern wir uns doch an das erst kürzlich genossene Essen in einem Restaurant im Herzen der Schweiz, mitten in den Bergen, in einem Lokal, das in seinem Auftreten von authentischer Regionalität nur so strotzt. Die Speisekarte verspricht uns Gaumenfreude, aber warum wird der wunderbar angerichtete Salatteller mit Parmesan serviert, wenn rund um das Restaurant der „chüschtigste“ Sbrinz und vieles mehr produziert werden? Warum wohl essen wir Schweizer fünfmal mehr Parmesan als Sbrinz? Vielleicht waren wir die letzten Jahre mehr in Italien am Meer, anstatt unsere Bergwelt zu geniessen und haben vor lauter Sole, Vino, Pasta und Dolce Vita einfach vergessen, dass das dort zwar prächtig ist – hier aber alles Gute eben doch von oben kommt.

Vor ein par Jahren habe ich mir einen Film über die Wildheuer im Muotatal angesehen, der mir einen nachhaltigen Eindruck hinterliess: Da war eine Gruppe älterer Männer im Muotatal unterwegs, um zu heuen – und zwar an extrem steilen Hängen, so steil, dass Tiere dort nur schwerlich grasen könnten. Damit die Männer in diesen extrem steilen Lagen Halt finden, tragen sie mit langen Nägeln bestückte Holzschuhe, manchmal müssen sie sich sogar anseilen.

Dass dieser Brauch am Aussterben ist, erstaunt angesichts des Aufwandes eigentlich nicht.

Und wenn man dann erfährt, dass dieses hoch qualitative, ungedüngte Heu, das viele verschiedene Alpenblumen und wilde Kräuter enthält, nicht mehr löst als Heu aus dem Löwenzahn-Unterland – dann muss so ein Wildheuer-Manndli entweder etwas hirnverbrannt sein oder „en Pickte“, der genau weiss, was er tut, und dem man eigentlich nur danke sagen kann: Danke.



Etappe 8: Trüebsee - Jochpass

Montag, 17. Juli 2017

Treffpunkt und Zeit: 8.15 an der Talstation der Titlisbahn

Route: Trüebsee-Laubersgrat-Rotegg-Rotstöckli-Steinberg-Jochstock-Jochpass

Höhenmeter: 1300 aufwärts, 850 abwärts
Distanz: 8 km
Marschzeit: 5.5 Std
Schwierigkeit: T6 

 
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Es klimpert auf dem Parkplatz. Marianne, Urs, Andreas und ich, wir packen unsere Rucksäcke für die Tour über Fels und Eis. Pickel, Steigeisen, Eisschrauben, Seil und Klettergstältli sollen unsere Sicherheit unterstützen. Schliesslich geht es heute hoch hinaus, auf den höchsten Punkt von Nidwalden, der Ranzen ist gefüllt bis zum Bersten.

Von der Bergstation Trübsee steigen wir hoch über den Laubersgrat, die Sonne lässt uns schon bald ihre Stärke spüren. Der Aufstieg gibt unseren Blick frei über das touristische Intensivnutzungsgebiet des Titlis. Der Steinberg-Gletscher glänzt in der Sonne und lässt uns bei seinem Anblick blinzeln. Einige Male überqueren wir die Skipiste, braun ist sie im Sommer, steinig. Am Rindertitlis gönnen wir uns einen kräftigen Schluck Wasser, treibt uns der Anstieg doch schon einige Schweisstropfen aus den Poren. Hoch zum Unter Rotegg gehen wir durch eine dunkle, schiefersteinig glänzende Landschaft, nahezu vegetationslos. So muss es sich anfühlen, auf einem fremden Planeten zu stehen. Auch die bizarren Felsformationen lassen mich immer wieder staunen.

Der Blick vom Unter Rotegggipfel lässt uns abermals auf einem anderen Planeten wähnen. Hier, am südlichen Fuss des Gipfels, strahlt uns der Tourismus entgegen. Nicht nur Wanderer gibt es in dieser prachtvollen Bergwelt, auch orangene Gestalten, ausgerüstet mit Helm, bewegen sich am Rand des Galtiberggletschers, lassen den Presslufthammer unermüdlich seinen Bolzen in die Felsen schlagen: Es werden Leitungen für Beschneiungsanlagen gelegt. Der Sommer hier oben ist kurz, und für den Winter will man gerüstet sein.

Unsere Augen suchen sich den Weg über den Galitberggletscher, um einen optimalen Einstieg zum Rotstöckli zu finden. Die Gstältli und Steigeisen montiert, angeseilt und den Pickel in der Hand – es geht los über den Gletscher. Wenn auch die Strecke über den Gletscher nur kurz und kaum mit grossem Gefahrenpotential verbunden ist, staunen wir doch: Zwei Männer in Shorts, mit Steigeisen, ohne Seil, weit voneinander entfernt "seckläd" den Gletscher hinauf. Ja, die Welt hier ist facettenreich.

Dann der Klettersteig am Rotstöckli, er ist von ganz besonderer Art.  Als kurz und knackig wird er beschrieben und er ist es auch. Eigentlich diente er ursprünglich dem Unterhalt der Sprengbahn. Das ist typisch Engelberg, das ist typisch Titlisgebiet: Technik, Tourismus und Alpinismus vereinen sich. So vermischt sich auch das Klimpern der Karabiner beim Klettern mit den kreischenden Stimmen der Asiaten am Fusse des Berges. Was wir alles erleben, während wir hier im Fels hängen. Dort, in Gummipneus sitzend, fliegen die Asiaten kreischend durch den glitzernden Schnee, und das Leben hier am Berg erscheint uns ein bisschen surreal.

Jetzt, nach dem Abstieg vom Rotstöckli, stehen wir vor einer weiteren Herausforderung: Wir möchten den Titlisgletscher möglichst grenznahe überschreiten. Gletschertouren faszinieren mich immer wieder. Ich fühle mich wohl auf dem harschen Eis und ich vertraue den Haken an meinen Steigeisen, die mir beim Abstieg Halt geben.

Das Johlen der Touristen ist nicht mehr zu vernehmen, dafür höre ich das Gurgeln des unterirdisch fliessenden Baches. Die unermessliche Kraft und die Mystik des Eisriesen machen wohl nicht nur mich demütig und sprachlos. Alle vier schreiten wir ruhig und jeder für sich über die Zunge des Titlisgletschers zum Ausstieg an den Steinberg. Wir geniessen diesen Weg in aller Stille und gleichzeitig bringen wir konzentriert die nötige Sorgfalt auf.

Dann, am Steinberg, erwarten uns steile Hänge, kantige Felsen und rutschiges Geröll. Diese Lebendigkeit der Geröllplatten muss auch Urs erfahren. Ein Schritt in den losen Schotter bringt in kurzum zu Fall und lässt ihn wie ein Käfer auf dem Rücken zappeln. Zum Glück ist nichts passiert. Mit vereinten Kräften ziehen Marianne und ich Urs aus seiner misslichen Lage, alle müssen wir schmunzeln und lachen. So lassen sich die paar "Chräble" an Arm und Hand auch besser ertragen und die Wegsuche kann weitergehen.

Plötzlich, während wir über Moränen und Felsbänder steigen, erblicken wir ein paar Gämsen vor uns. Gebannt folgen wir ihnen mit dem Blick, es werden immer mehr Gämsen. Schliesslich zählen wir mehr als 50 Gämsen am Felsen, als wir vorsichtig über die Geländekammer äugen. Beeindruckt von diesem Schauspiel steigen wir weiter. Marianne musste leider schon den Abstieg antreten, ihre Arbeit ruft, und wir drei dürfen jetzt vom südlichsten Punkt Nidwaldens die letzten hundert Höhenmeter zum Jochstock in Angriff nehmen.

Zufrieden, müde, ja tief beindruckt von all dem, was wir heute erlebt haben, steigen wir dem Berghaus Jochpass zu. Wir werden freundlich empfangen, und diesen Komfort nehmen wir heute liebend gerne an: ein heimeliges Zimmer, ein kräftiger Wasserstrahl in der Dusche und das gemütliche Ambiente, das mit viel Begeisterung und Sorgfalt in diesem Haus gepflegt wird.

Bei einem kühlen Bier schweifen unsere Gedanken durch diesen Tag. Kontrastreicher könnte eine Gegend nicht sein. Engelberg mit dem Titlisgbiet ist zweifelsfrei eine Tourismushochburg. Tourismus und Hochgebirge – diese Stichworte triggern die Klischees: Pseudofolklore, Landzerstörung und der drohende Ausverkauf der Alpen.

Doch ist dem wirklich so? Wir haben ja auch anderes gesehen, zum Beispiel auf der Gerschnialp. Die Kühe, die Wildkräuter grasen. Die Ziegenwurst, hausgemacht. Käse, in Delikatessen-Qualität. Sehr kreativ, sehr selbstbestimmt. Vielleicht passen sie ja zusammen, der Massentourismus und die kleinen feinen Betriebe. Und wir in der Politik, wir müssen schauen, dass die Rahmenbedingungen für beide so gut wie nur möglich sind. Und schliesslich schätzen wir beide Erfolge: den der Nischen auf der Gerschnialp und den des Massentourismus im Titilisgebiet, beide in wirtschaftlich herausfordernden Branchen.

Und persönlich? Da werde ich wohl weiterhin eher den Käse geniessen als auf einem Gummipneu durch den Schnee fliegen.

Dann ins Bett, offene Fenster, welche Luft!



Etappe 9: Jochpass-Melchsee Frutt

Dienstag, 18. Juli 2017

Treffpunkt und Zeit: Gleich nach dem frühen Zmorge im Berggasthaus Jochpass

Route: Jochpass-Schafberg-Graustock-Schwarzhorn-Rotsandnollen-Frutt

Höhenmeter: 800 aufwärts, 1100 abwärts
Distanz: 14 km
Marschzeit: 5 Std
Schwierigkeit: T6 

 
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Ein heller Schein umrahmt den Giebel des Bergasthauses Jochpass wie eine Krone. Die Sonne steigt auf. Andreas, Urs und ich ziehen los. Das Frühstück, extra von Stefan und Ralf für uns etwas früher zubereitet, gibt uns die Kraft, und die brauchen wir heute auf dieser neunten Etappe: Wir steigen dem Graustock entgegen.

Herrlich der Ausblick zum Engstlenalpsee und der Melchsee-Frutt. Zügig schreiten wir des Weges, gesprochen wird nicht viel. Jeder ist in Gedanken versunken, jeder nimmt die Umgebung für sich wahr. Kräuterwiesen, grün und saftig, sanft der Anstieg. Bald wechselt das Bild, immer steiler wird der Weg, immer steiniger: Mondlandschaft. Wir balancieren über dünn geschichtete, lose Schieferplatten, es ist streng, wir schwitzen, schnaufen.

Steinmanndli weisen uns still die Richtung, und das ist nötig in dieser gleichförmigen und doch sehr spannenden Landschaft. Ich bin immer noch in meinen Gedanken. Der Anruf aus dem Büro gestern Abend beschäftigt mich und mit jedem Schritt dreht sich wie ein Zahnrad das Rädli der Gedanken.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich merke, wie Bewegung hilft: Es „büschelen“ sich die Gedanken, und so arbeitet es im Kopf und in den Beinen im Gleichtakt. Doch plötzlich sind die Gedanken nicht mehr konzentriert, immer wieder fliegen sie davon und sind irgendwo. Es ist, als nutze der Körper die Kraft zum Weiterkommen, nicht mehr für die Gedankenarbeit. Gleichzeitig fällt mir auf, unser Weg steigt viel steiler an als noch vor ein paar Minuten. Ich brauche mehr Kraft zum Gehen und dafür, den Weg im Auge zu behalten, als in meinen Gedanken zu verweilen und geistige Arbeit zu leisten. Dieses Phänomen kennen wir wohl alle. Es ist auch schön, nahezu „gedankenlos“ des Weges zu schreiten. Und trotzdem bringt diese Erkenntnis eine Analogie zu unserem Alltag.
Auch da ist unser Weg manchmal steil und die Arbeit fordert. Das ist auch gut so, aber wenn der Weg immer steil ist und wenn es fast kein flaches Wegstück uns Zeit und Raum zum Erholen gibt, ist es wohl nicht anders als bei der Bergwanderung. Die Kraft reicht nicht mehr, um mit Elan und voller Kraft geistige Arbeit zu leisten. Wir kommen an unsere Grenzen.

Zwischendurch immer wieder diese Grenzen anzutippen und sie sich selber spürbar zu machen, gar auszudehnen, ist wohl nicht schädlich und hilft uns, uns selber zu spüren und besser zu kennen. Aber immer wieder über diese Grenzen hinaus zu gehen, ohne ein flaches Wegstück zuzulassen, führt wohl dazu, dass plötzlich der Körper uns den Takt vorgibt, und das ist dann vielleicht ein Takt, den wir uns nicht gewünscht haben. Es ist nicht einfach, im Alltag immer im Gleichgewicht mit diesen steilen und flacheren Wegstücken zu sein. Aber es ist wichtig, dass wir uns dessen bewusst sind und dass wir uns auch gegenseitig darauf hinweisen.
Mit diesen Gedanken komme ich auf dem Grat an, nehme den Übergang zum Klettersteig noch viel genussvoller wahr. Erfrischt durch einen Schluck Tee montieren wir das Gstältli, klicken die Karabiner ein und hoch geht’s über den Klettersteig zum Graustock-Gipfel. Angelehnt an das gewaltige Marmorkreuz lassen wir unsere Blicke über die herrliche Weite streifen.

Für den Abstieg entscheiden wir uns, ein wenig von der Grenze abzurücken. Zu ausgesetzt und lose erscheint uns der Nordhang des Graustockes. Auch ziehen langsam Wolken auf, und wir müssen die Zeit im Auge behalten. Der Weg bis zum Rotsandnollen ist noch weit und so auch der Ausstieg zur Melchsee-Frutt. So hangeln wir uns wieder den Klettersteig hinunter und umlaufen den Graustock über das hübsche Follenseeli um dann beim Fikenloch wieder auf der Grenze zu stehen.

Einsam ist die Gegend hier und wunderbar still. Die Landschaft ist geprägt vom Gletscher: Er hat bei seinem Rückzug die Landschaft geschliffen, Schrammen und Rillen in den Felsen geritzt. Fein poliert sind sie und sanft geschwungen, geformt zu tausenden warzenähnlichen Gesteinsvorsprüngen, die den Übergang prägen.

Plötzlich taucht eine Gestalt hinter dem Felsen auf. Langsam dahinschreitend mit einem Blechkübel voller gelber Farbe und Pinseln in der Hand, es ist Wildhüter Hans. Er ist unterwegs um die Markierungen des Banngebietes aufzufrischen. Ein kurzer Schwatz und weiter geht es.

Einen geeigneten Weg um das Schwarzhorn zu finden, zeigt sich als schwierig und die immer dunkler werdenden Wolken versprechen nichts Gutes. So entscheiden wir uns, wohl oder übel aus der heutigen Etappe auszusteigen und den Heimweg über die Melchsee-Frutt anzutreten. In der schiefrigen Geröllhalde den Weg suchend, geht es auch nicht lange und die ersten Tropfen fallen. Es ist dann der Bartgeier-Infostand Hangliboden, der uns gerade noch rechtzeitig Unterschlupf gibt.

Während rund um uns immer mehr Gewitterwolken aufziehen und sich fulminant zu entleeren beginnen, erfahren wir von der hier arbeitenden Ornithologin viel Wissenswertes über die Bartgeier und Steinadler. Die Ornithologin arbeitet in einem Container, der etwas höher als der Beobachtungspunkt gelegen ist, sie wohnt sogar da. Immer, wenn sie jemanden zum Infopoint marschieren oder biken oder „secklä“ sieht, kommt sie hinunter, um Fragen zu beantworten.

Das Bartgeier-Junge namens Johannes können wir nirgends entdecken. Dafür begleiten wir, durch den Feldstecher blickend, einen Steinadler auf seinem elegant schweifenden Flug über den Grat des Hengliwangs. Eindrücklich ist es, majestätisch setzt er sich auf einen Felsvorsprung und überblickt unberührt von der Anwesenheit der Wanderer die immer grauer werdende Geländekammer.
Mit diesem Anblick in Erinnerung und vielen anderen eindrücklichen Bildern dieser Etappe schweben wir dann von der Melchsee-Frutt bei prasselndem Regen hinunter in die Stöckalp. Wenn wir auch nicht ganz das Ziel erreicht haben, so wissen wir doch: Einiges zu Wege gebracht haben wir ja schon.



Etappe 10: Melchsee Frutt - Bocki-Rotisand

Dienstag, 1. August 2017
mit Übernachtung im Bockihüttli

Treffpunkt und Zeit: Wir haben uns entschieden, die Etappen 10 und 11 zusammenzunehmen. Wir treffen uns um 7.00 Uhr in der Tannalp (Melchsee-Frutt). Es besteht die Möglichkeit, am Vorabend anzureisen und im Berggasthaus Tannalp zu übernachten.

Spezielles: Wir übernachten unterwegs im Bockihüttli

Route: Melchsee Frutt-Rotsandnollen-Hanghorn-Huetstock-Juchli-Arni

Höhenmeter: 1250 aufwärts, 1850 abwärts
Distanz: 18 km
Marschzeit: 9 Std
Schwierigkeit: T6 

 
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Der Wecker rasselt. Bin ich nicht erst ins Bett gestiegen? Leider haben wir nicht im Berggasthaus Tannalp übernachten können, es war ausgebucht. So mussten wir wohl oder übel am Morgen früh raus. Dazu kommt die 1. August-Feier von Büren, die mir noch in den Knochen liegt. Kurz: Es braucht ein bisschen Motivation für den Start – es ist noch dunkel.

Heute haben wir Grosses vor. Die beiden Etappen 10 und 11 haben wir zusammengelegt. Nun ist die Route länger, auch ein Gipfel ist mehr zu besteigen, dafür müssen wir zwischendurch nicht nochmals zu Tal steigen, um am anderen Tag wieder empor zu kommen. Und dann hat es noch ein ganz besonderes, zusätzliches Highlight: Wir dürfen somit den 1. August-Abend und die Nacht im Bockihüttli verbringen. Ein Hüttli, das mir schon in früheren Jahren wichtig war, zu Zeiten von pro natura oder im Winter auf unseren Skitouren. Kein Widderfeldaufstieg geht vorbei, ohne dass eine Rast, angelehnt an der Bockihüttliwand, die Skitour zu diesem speziellen Erlebnis macht, das schon diese Landschaft hier bietet.

Doch vorerst ist noch Morgen und ich bin müde. Erst der Anblick des Fruttsees motiviert mich heute so wirklich. Ruhig ist es hier, und die über den Bergkamm kletternden Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft ins Morgenlicht, die Nacht ist vorüber. Der Föhnwind zieht uns um die Ohren und was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Die trotzige Brise wird uns heute den ganzen Tag begleiten, in ihrer vollen Kraft und Ausdauer.

So geht es jetzt stetig voran. Unter dem Bonistock und den Homadgipfeln vorbei, auf und zwischen grossen Felsbrocken kletternd, im Schieferschotter scharrend und rutschend, erreichen wir bald den Tannenrotisand. Der Gipfel des Rotsandnollen ist nicht mehr fern. Noch nicht neun Uhr und wir stehen auf dem Gipfel. Majestätisch. Rund um uns ist Ruhe, dazu diese Fernsicht. Ein grosses Steinmandli ziert den Gipfel.

Heute ist 1. August. Geburtstag der Schweiz. Ich stecke meine Nidwaldner Fahne, die mich auf der ganzen Grenztour begleitet, in den Steinmandlispitz. Irgendwie berührt mich dieses Bild. Die Nidwaldner Fahne mit all den Aufschriften der Leute, die mich auf der Grenztour bis jetzt begleitet haben, weht am Geburtstag der Schweiz auf dem Gipfel des Rotsandnollen in dieser archaischen ungeschmückten, ehrlichen Landschaft. Obwohl im Föhnwind heftig flatternd, bleibt dieses Flattern ruhig und still. Immer wieder erreichen uns Windböen, wir ziehen unsere Reissverschlüsse noch höher, das Stirnband noch tiefer über die Ohren.

Bevor es weitergeht, will ich doch das Bild des Glücks hier oben auf dem Nollen festhalten. Und um möglichst viele Leute auch daran teilhaben zu lassen an diesem ganz besonderen 1. August-Feuerwerk, stelle ich es auch gleich in Facebook online. Sodeli. Alles eingepackt, die Erinnerungsfotos sind geknipst, es kann weitergehen, schliesslich stehen noch ein paar Gipfel auf dem Programm heute. Kurz ein Blick aufs Handy. Nein, die gepostete Nachricht geht nicht raus. Ja, vielleicht ist es der Wind, die Botschaft wird den Weg schon finden, denke ich und ziehe weiter mit Urs und Andreas.

Mit jedem Schritt geht es wieder in die Tiefe, hinunter bis ins Hobiehl. Schotterig ist es und jeder Tritt ist unsicher. Doch schon bald erreichen wir den Einstieg in den Ober Fed am Huetstock. Die lockere Kletterei gefällt uns sehr und insbesondere die Edelweisse, welche die felsigen Alpmatten zieren und uns einfach stumm staunen lassen. Bis zum Huetstock ist Trittfestigkeit und Ausdauer gefragt. Steil ist das Gelände, lange der Anstieg, dazu der Föhnsturm, der wacker an uns rüttelt und uns immer wieder ins Wanken bringt. Ja, der Föhn, mit ihm haben wir nicht gerechnet. Einerseits empfangen wir die Föhnfische am Himmel gerne. Denn wie heisst doch die Wetterregel: Solange sie am Himmel stehen, trocknet der Föhn die Wolken ab und es regnet nicht vor dem Abend. Nicht nur die Wolken stehen getrocknet am Himmel. Auch wir haben mit Durst und Trockenheit zu zanken.

Pünktlich zu Mittag auf dem Gipfel des Huetstock ist es aber wieder die Aussicht, das Erreichte, was uns berührt und für die Strapazen entlohnt. Das Sandwichpapier, Jacken und Pullis drohen im Wind weg zu fliegen, und unseren Schmaus aus dem Rucksack geniessen wir in windabgekehrter Haltung. Ein Foto gefällig vom Gipfelkreuz und ein Selfie von uns dreien. Wow, welch’ wunderbarer Moment, ja dies könnte doch die ganze Familie und die Freunde im Tal interessieren.

Dem Bedürfnis folgend, alle an unserem Erfahrenen teilhaben zu lassen, drücke ich auf "Senden" bei Whatsapp. In Gedanken schon ahnend, welch Staunen und Freude dieses Bild auslösen wird, warte ich auf das Zeichen "versendet". Doch stattdessen flimmert "Verbinden" auf dem Bildschirm… hmmm, naja: ist wohl nicht der beste Empfang hier oben. Die Facebookbotschaft steckt ebenfalls immer noch im Ausgang.

Durchgepustet starten wir zum Abstieg hinunter vom Huetstock über den Zahm Geissberg bis zum Juchlipass. Hier scheinen die Arme des Föhns nicht hinzugelangen. Wir geniessen die Windstille, obwohl nun die Hitze hier drückt. Plötzlich vernehme ich ein Surren am Natel. Ein Anruf dringt zu mir. Während des Gehens nehme ich ab und schon fast sofort verstummt die Stimme am anderen Ende: Die Verbindung ist gekappt. Es ist wohl so, hier auf dieser Wanderung sind wir ohne Empfang. Hmm, was soll ich nun davon halten? Soll ich mich jetzt darüber freuen, endlich nicht immer erreichbar zu sein? Oder verspüre ich da nicht sogar eine leichte Verärgerung wegen dieser digitalen Stille? Der Marsch geht weiter. Unser letzter Gipfel, das Nünalphorn, wollen wir noch erklimmen. Meine Gedanken bleiben aber beim Smartphone hängen.

In der Regel ist am Abend das Smartphone das Letzte was ich in der Hand habe, und nach dem Aufwachen das Erste, worauf ich schaue. Während der Kaffee durchläuft, schaue ich aufs Natel, dann auch beim Zähneputzen. Kaum im Zug sitzend, lese ich die Artikel, die ich auf dem Smartphone gespeichert habe. Steige ich aus und habe wieder Netz, gucke ich schnell nach den neuen Nachrichten auf Whatsapp oder Facebook. Selbst beim Zeitunglesen schaue ich zwischendurch aufs Natel. Warum? Ich weiss es nicht. Aber was ich weiss ist, dass ich es schätze, im Arbeitsalltag die Vielfalt der digitalen Medien zu nutzen. Und hier in den Bergen nehme ich den Offline-Zustand nicht als Notsituation, ausgelöst durch Funkloch oder Akkuversagen. Vielmehr nehme ich dies als eine Einladung zur inneren Einkehr und zur Zuwendung meiner Umgebung.

Dass dies ein wahrer Genuss ist, erlebe ich heute Abend im Bockihüttli, keine Wifi-Welle erreicht es, auch von dem fulminanten Gewitter, das jedes 1. August-Feuerwerk in den Schatten stellt, fliegt kein Whatsapp-Bildli ins Tal. Da ich eh weiss, dass es keinen Empfang gibt, schaue ich erst gar nicht auf mein Smartphone. Und so erreichen statt Wifi- oder G4-Wellen ganz andere Wellen das Bockihüttli, die der Gemütlichkeit und Gastfreundschaft, und sie haben uns den Abend mit vielleicht typischen Schweizer Werten geniessen lassen: klein aber fein, gemütlich und gastfreundlich.

Und übrigens: Meine 1. August-Facebookbotschaft fand auch am 2. August noch ein paar "Gefällt mir"!

:-)



Etappe 11: Arni - Nünalphorn - Arni

Dienstag, 1. August 2017, ursprünglich geplant auf Mittwoch, 2. August, nun integriert in die Etappe 10

Treffpunkt und Zeit: Wir haben uns entschieden, die Etappen 10 und 11 zusammenzunehmen. Wir treffen uns am 1. August um 7.00 Uhr in der Tannalp (Melchsee-Frutt). Es besteht die Möglichkeit, am Vorabend anzureisen und im Berggasthaus Tannalp zu übernachten.

 

 


Etappe 12: Lutersee - Gummenalp

Samstag, 29. Juli 2017 (ursprünglich geplant auf Montag, 24. Juli, verschoben auf Mittwoch, 26. Juli, dann auf Freitag, 28. Juli, jetzt nochmals verschoben)

Treffpunkt und Zeit: 7.00 Uhr an der Talstation Rugisbalmbahn (Mettlen)

Route: Lutersee-Bocki-Widderfeld-Storegg-Charren-Gräfimattstand-Schellenflue-Gummenalp

Höhenmeter: 1300 aufwärts, 1150 abwärts
istanz: 14 km
Marschzeit: 6.5 Std
Schwierigkeit: T4 

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"I de erschte Hütte si mer inegsässe, i de zwöite Hüttä hei mir Nidlä gässe, i de dritte Hütte jo do isches gscheh... "

Das Lied "Uf de Alpe obe" könnte unseren heutigen Tag nicht besser beschreiben. Markus meint schon nach der Begrüssung, das werde wohl eine Beizentour.

Mit diesen munteren Gedanken startet es sich dann auch leicht. Wir gehen von der Luterseebahn über die Hüethütte zum Rossboden. Nun wird der Schritt langsamer, die Stimmen ruhiger und der Aufstieg durch den Rosswang erfordert erste Kraxeleien und Schweisstropfen. Beim Heuzingeli, angelehnt ans Kreuz, tauchen wir mit dem Blick ein in die Weite und Tiefe des Engelbergertals.

Gwundrig sind wir, und so zieht es uns weiter zum Bockihüttli und schon erklingt uns in Gedanken die Melodie "i de erschte Hütte..." Ja de Bocki-Roli und der Beat erwarten uns mit einem herrlich angerichteten Kafitisch. Mmmhh diese Erfrischung, die gönnen wir uns gerne. Das Bockihüttli stehe grundsätzlich allen offen, meint Roli. Und viele Wanderer treffen bei ihren Touren auf das Bockihüttli. Während die einen stumm des Weges ziehen, heben die anderen die Hand zum Gruss. Roli meint, wer bei uns grüsst, dem wird ein Kaffee angeboten, das ist die gegenseitige Höflichkeit in den Bergen, das hat schon Roman, mein Vater, so gelebt, und diese Tradition leben wir weiter.

Auch wenn es uns hier im Bocki noch so gemütlich ist, es wartet ein weiter Weg auf uns, und so ziehen wir bald weiter hoch zum Bocki-Rotisand. Beat begleitet uns ab jetzt auf dieser Etappe. Er ist es auch, der uns die vielen wunderschönen Enziane zeigt, welche die Alpmatten des Widderfelds zieren.

Auf dem Gipfel weht uns ein kühler Wind entgegen und die nächste Überraschung ist gelungen: Da stehen schon Werni, Josefa und Peter am Gipfelkreuz, sie empfangen uns mit einem feinen Sprinz-Orangenmost-Apéro. Unsere Bergsteigerkollegen haben sich extra für uns aufgemacht, sind hochgestiegen zum Widderfeld, um uns hier mit "der zweite Hütte..." zu begrüssen.

Mit dem Blick zum Gruebi hinunter und im freundlichen Gespräch mit den Kollegen steigen wir weiter über die schliffrigen Felsen und die fetten Alpendost-Matten bis zum Storegg. Dieser historisch bedeutsame Pass, der sogar in unsere Nidwaldnerhymne Einzug gehalten hat, lässt uns schon wieder vom Weg abkommen, denn "i de dritte Hitte isch mer ebbis gscheh..."

Margrit wandert schon seit heute Morgen mit uns, und ihre Eltern und ihr Bruder verbringen den Sommer auf der Denalp, die an unserem Weg liegt. Wenn auch auf Obwaldner Boden und leicht von der Grenze abgerückt, lassen wir uns gerne am vorbereiteten Tisch nieder. Bratchäs von der Denalp und Kartoffeln vom Waltersberg aus Margrits Garten, auch ein feiner Tropfen Weisswein, das passiert uns in der dritten Hütte. Und wir lassen es gerne passieren. Wir fühlen uns sehr willkommen bei Vreni und Hans und lange schütteln wir uns beim Verabschieden die Hände.

Diese heute erlebte Gastfreundschaft begleitet unsere Gespräche über das Lachehörnli und den Lachengrat. Doch manchmal verstummen die Gespräche, ist doch der Aufstieg steil und die Aussicht auf dem Grat dann fulminant.
Bald kommen wir an den Schlüsselpunkt unserer Wanderung. Gespannt haben die meisten von uns den Charren oder eben das Wagenleis erwartet und uns alle fasziniert der Übergang über die Wagenspuren, der dank der gelegten Seile zwar luftig ist, aber sicher.

Entlang der Lauchernalp spannt doch der eine oder andere Muskel langsam von der Anstrengung, und wir sehnen uns dem baldigen Ziel. Die im Volkslied besungenen drei Hütten ergänzen wir heute sogar noch mit einer "vierten Hütte". Im Gummenrestaurant kühlt das Malzgetränk unsere Gaumen und lässt uns verweilen, und dann verabschieden wir uns von einander. Margrit, Othmar, Yvonne und Beat pendeln mit den Wirzwelibähndli dem Tal entgegen, dafür gesellt sich nun noch Primus zu uns. Im Restaurant Waldegg im Wirzweli beziehen wir die Zimmer, sie sind entzückend hübsch, und geniessen bei einem währschaften, lecker zubereiteten Nachtessen die Gemütlichkeit. Einmal mehr erfahren wir eine herzliche Gastfreundschaft.

Über Stock und Stein und luftige Grate sind wir heute gewandert. Ein Gedanken hat mich stets begleitet. Diese ge- und erlebte Gastfreundschaft! Immer wieder hören und lesen wir: Dem Schweizer Tourismus mangle es an Gastfreundschaft. In der Tat, einige Mal hätte ich dies unterschreiben können. Aber heute bestimmt nicht. Dass die Gastfreundschaft im Tourismus ein Wettbewerbsfaktor ist, ist wohlbekannt. Gäste, die das Gefühl vermittelt bekommen, willkommen zu sein, sind zufriedener, bleiben länger, geben mehr Geld aus, kommen häufiger wieder und empfehlen den Ort weiter.

Warum Gastfreundschaft manchmal so schwierig ist, haben schon viele versucht herauszufinden. Geht man dem Begriff Gastfreundschaft genauer auf die Spur, entpuppen sich plötzlich zwei Gegensätze. Der Begriff "Gast" stammt von "Ghosti" ab und bedeutet "Fremdling, feindlicher Krieger". Demgegenüber steht die Freundschaft, was als Blutsverwandet oder Stammesgenosse gedeutet wird. So begegnen sich also das Fremde und das Verwandte.

Wie dieses Paradoxon überwunden werden kann, darüber könnte noch viel geschrieben werden. Doch bin ich, besonders nach dem heute Erlebten, überzeugt: Der abstrakte Begriff der Gastfreundschaft wird mit Leben erfüllt, wenn sich Menschen engagieren und einen persönlichen Beitrag leisten. Der Bocki-Roli, Vreni und Hans, Sepp und Brigitte und auch Herr und Frau Ineichen haben es uns heute vorgelebt. Der Begriff Gastfreundschaft ist mit Leben gefüllt worden, als ich den Satz hörte: "Ein einfaches Lächeln, eine natürliche Herzlichkeit und sich einfach freuen, dass ein Gast da ist, der Rest passiert in der Regel von alleine."



Etappe 13: Gummenalp - Stanserhorn

Sonntag, 30. Juli 2017 (ursprünglich geplant auf Dienstag, 25. Juli, verschoben auf Donnerstag, 27. Juli, dann auf Samstag, 29. Juli, jetzt nochmals verschoben)

Treffpunkt und Zeit: 8.15 Uhr im Restaurant Gummenalp

Route: Gummenalp-Schellenflue-Arvigrat-Ächerli-Chlihorn-Stanserhorn

Höhenmeter: 1200 aufwärts, 900 abwärts
Distanz: 11 km
Marschzeit: 5 Std
Schwierigkeit: T3 

 

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Frisch ist die Luft, und die Klänge der Kuhglocken dringen durchs offene Fenster ins Zimmer. Das reichhaltige, feine Frühstück gibt uns den nötigen Boden, um auf die "Horntour" zu starten. Unser Ziel: das kleine und das grosse Stanserhorn.

Dieses Ziel ist schon gestern Thema gewesen, und zwar nach dem Nachtessen bei einem Schwatz vor dem Restaurant Waldegg, als wir die Bauernfamilie Chlais und Bernadette getroffen haben. Die beiden bewirtschaften die steil abfallenden Planken des "Chley Horn". Der Chlais gibt uns noch gute Ratschläge und präzisiert die Grenzen entlang dem Horn.

Der Ruf beim Verabschieden: "Viel Glück und immer schön der Grenze nach" klingt uns auch heute Morgen noch nach. Doch zuerst müssen wir wieder den Ausstiegsort der gestrigen Etappe anpeilen. Wir erreichen ihn in der Senke zwischen dem Gräfimattstand und dem Arvi. Nochmals werden die Schuhe geschnürt, der erste Durst gelöscht und los geht’s über den herrlichen Grat zum Arvi. Der territorialen Abgrenzung zwischen Obwalden und Nidwalden zu folgen, ist nicht schwierig. Der Grat zieht eine klare Linie. Wenn die Trennlinie auf der Karte auch deutlich sein mag, für unseren Blick gelten diese Grenzen nicht. Die Augen schweifen von Ob- nach Nidwalden und zurück und nehmen auf: diese herrliche Weite.

Erst im Abstieg durch den Arviwald ist es nicht mehr die Fernsicht, die fasziniert, sondern die knorrigen Föhren und die kerzengerade in den Himmel wachsenden Fichten. In der stetig steigenden Sommerwärme verströmen sie einen angenehmen Duft. So macht Wandern Spass, und auch Primus, den die Höhenangst plagt, hüpft beschwingt über die widerspenstigen Wurzeln und Steine.

Beim Ächerli trennen sich die Wege von Primus, Margrit und dem Rest der Gruppe. Markus, Bernadette, Andreas und ich marschieren schnurstracks der Grenze entlang zum Holzwangkappeli, von wo kein Weg mehr die Grenze zeichnet. Nun heisst es querfeldein, der Weg ist sehr steil und auf Obwaldnerseite fallen die Felsen senkrecht in die Tiefe. Der Durst plagt und die steigende Temperatur lässt uns schwitzen und schwer atmen.

Aber es lohnt sich. Als wir aus dem dichten, struppigen Wald aussteigen, zeigt sich uns der "Chley Horn Grat". Fantastisch! Fast majestätisch steht unverrückbar der Grenzstein auf dem höchsten Punkt des Horns. Ich lege mich ins Gras. 360° Aussicht, die Grillen zirben, vom grossen Horn erklingen die Alphornklänge, nur die fliegenden Ameisen vergönnen einem den vollendeten Genuss. Während ich raste, erinnere ich mich an eine E-Mail von Carljörg. Er hat den Zeitungsartikel über unsere Grenzwanderung gelesen und mir dann die folgenden Worte geschrieben:

Wenn Du jetzt auf der Kantonsgrenze wanderst, dann führt dein Weg im Gebiet des Stanserhorns vom «Chli Horn» 1787 müM direkt zum Punkt 1864 «Adlerflue».
Auf der Dufour-Karte von 1864 geht aber die Grenze vom «Kl. Horn» zum Kulminationspunkt des Stanserhorns auf 1900 müM.
Auch auf der Landeskarte von 1893 führt die Kantonsgrenze über den Gipfel des Stanserhorns.
Auf der Karte ab 1904 erscheint plötzlich der heutige Grenzverlauf. Nidwalden wird plötzlich 20’000 m2 grösser.
Im Staatsarchiv Nidwalden sind dazu keine Akten auffindbar. Auch bei der Landestopografie hat man dazu keine Erklärung.

Freuen wir uns über den unkomplizierten Gebietszuwachs.

Ja gegen diesen Gebietszuwachs ist bestimmt nichts einzuwenden. Doch habe ich mich schon bei einigen Etappen gefragt, wie wohl diese Grenzen festgelegt worden sind. Wie kommt es, dass sich diese gestrichelte Linie genau dort durchzieht, wo sie heute auf der Karte zu finden ist? Sind diese Linien an einem Pult im Büro entstanden oder gar zwischen zwei Bauern auf dem Feld? Oder haben sich da die Staatsherren höchstpersönlich auf's Feld begeben?
Wahrscheinlich sind die Grenzen im Gebirge durch Nutzungs- und Weiderechte entstanden und wahrscheinlich hat auch da und dort die Hohe Regierung sich mit den Grenzen auseinandergesetzt, so wie auch der eine und andere Bauer.

Diese Gedanken nehme ich mit auf den Weg. Denn die aufziehenden Wolken lassen uns diffig aufbrechen. Wir entscheiden uns, die genaue Grenze zu verlassen, zu steil und ausgesetzt erscheint uns der Abstieg über den Grat zur Chrinne bei einem Gewitter.

Knapp erreichen wir das Huserli und schon prasseln dicke Tropfen vom Himmel, rund um ums kegelt es grollend und der Blitz lässt die Landschaft hell erleuchten. Wir sind froh um den Schutz des Hüttlis. Dem einen und anderen Wanderer bietet das Dach noch Schutz und plötzlich erscheint ein lachendes Gesicht, der Chlais von gestern Abend, der das Chley Horn bewirtschaftet, meint schelmisch: "Da sind iehr aber grad ä chley vu de Gränze abcho…"

Ja, wenn wir wissen, wie unkompliziert wir 1904 zu Land gekommen sind, dann dürfen wir für ein kurzes Moment den Obwaldnern einen Zipfel für unseren Umweg gönnen.

Auf welche Weise jedoch die Nidwaldner Landmarke entstanden ist, das nimmt mich doch noch wunder. Und wer weiss, vielleicht führe ich meine Grenzerfahrung während diesem Winter im Staatsarchiv weiter.



Etappe 14: Stanserhorn-Telliegg

Geplant auf Sonntag, 6. August 2017, vorverschoben auf Samstag, 5. August

Aufgrund des schlechten Wetters verschieben wir die Tour auf Samstag 5. August 2017. Auch teilen wir die Tour auf und marschieren, um unsere Knie zu schonen, statt hinunter hinauf: hoch auf das Horn. Treffpunkt: 6.30 Uhr beim "Chabisstei" Ennetmoos.

Geplante Route: Stanserhorn-Dürregg-Bründli-Hostett-Chabisstein-Cholwald-Muoterschwandenberg- Hinterberg-Telliegg (Boot)

Neue Route: Chabisstein-Hostett-Bründli-Dürregg-Stanserhorn

Höhenmeter: 1300 aufwärts
Distanz: 14 km
Marschzeit: 3.5 Std
Schwierigkeit: T4 

 
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Wir stehen nun an der 14 Etappe, im Kopf haben wir bereits mannigfaltige Bilder, Gedanken und Erinnerungen an die bereits erlebten Touren und in den Beinen einige Kilometer Wander- und Bergwege, etliche überwundene Stufen, sei es hinauf oder hinunter.

Eine Etappe in drei Unteretappen, ja warum wohl? Für Sonntag haben wir geplant, vom Stanserhorn zum Alpnachersee zu wandern. 1400 Höhenmeter sehr steil hinunter. Das Sonntagswetter soll nicht sehr vielversprechend sein, Regenwolken diesen Tag zieren. Aber am Samstag: Sonnenstrahlen. So wählen wir den Samstag, und da mein Knie langsam etwas Ermüdung zeigt und grundsätzlich wohl das Hinunterlaufen nicht ebenso gesund ist wie das Hinaufsteigen, teilen wir die Tour auf. Der Start soll beim "Chabisstei" sein. Ein grosser "Chemp" in St. Jakob, der die Unterwaldner geografisch trennt. Von dort soll es hoch gehen zum Stanserhorngipfel über das Brünnliegg.

Am Sonntag dann die Waldwanderung vom "Chabisstei "durch den Cholwald zum Alpnachersee. Da mag es "hudlen", wie es will: Wald und Regen lösen eine besondere Anziehung aus. Und dann ist da noch der See, den es zu überqueren gilt, hinüber zum Lopper-Telliegg. Es spienzelt uns schon jetzt auf der anderen Seeseite entgegen. Am Montagabend steigen wir in den See, um diesem Grenzpunkt entgegen zu schwimmen.

Gespannt starten wir am Chabisstei. Der Noldi holt sich noch zwei Haselstöcke aus dem Wald, um dann beim Hochsteigen besonderen Antrieb zu bekommen und das Gleichgewicht im Lot zu behalten. Das ist kein schlechter Gedanke. Denn steil ist diese Etappe wirklich. Im unteren Teil vom Rütimattli bis zur Hinteren Laui wähnt es uns mehr im Urwald als im Stanserwald, der Weg ist schwierig zu finden, die Äste und Kräuter streichen uns um die Körper. Wir müssen uns ducken, und dann kriechen wir etwas und bald balancieren über die Steine.

Nach dem Einstieg zum Brünnliegg steigt der Weg im dichten Wald stark an. Das Wegschild "Panoramaweg" erscheint uns leicht ironisch. Doch weit gefehlt. Das Brünnliegg hat es in sich. Eine herrliche Waldlichtung, geziert von einigen Föhren, eröffnet uns ein überwältigendes Panorama in das Obwaldnerland, auch auf die Grenzgipfel gegen Süden.

Fast schon ein Wiler ist das Brünnliegg und wir lassen uns gerne kurz nieder auf dem luftigen Ansitz vor dem Hüttli. Sebastian holt seine Trinkflasche hervor und erzählt, wie er schon mal hier gesessen hat. Während seiner Jagdausbildung, auf der "Jagdbegleitung Hochwildjagd" habe Peter ihm diesen Platz gezeigt. Er sei schon damals sehr ergriffen gewesen von diesem Ort und sie hätten im Graben einige Gämsen gesehen. Auch heute sehen wir eine Gämse durch den Brünnligraben ziehen. Gämsen haben uns auf der ganzen Grenztour immer wieder begleitete. Mal haben wir sie rudelweise entdeckt mal nur eines alleine. Die Frage von Noldi, warum denn diese Gämse alleine unterwegs sei, löst bei den Jägern, die uns auf der heutigen Tour begleiten, ein reges Gespräch aus. Sofort spürt man das Feuer der Jäger, des jungen und des alten. Beide sind im Element beim Erzählen über die Jagd.

In solchen Momenten spüre ich dann immer die gleiche Reaktion, eine Mischung aus Verwunderung und Abneigung, dazu gleichzeitig Bewunderung und Interesse: Es gibt so viele Facetten an dieser für mich ausgefallenen Beschäftigung. Als ich Andreas und Sebastian frage, was sie für ein Gefühl auslöse, diese weidmännische Leidenschaft, meinen beide: Es ist nicht die Freude am Töten, es ist mehr die Freude am intensiven Naturerlebnis. Während dem Jagdlehrgang, meint Sebastian, habe ich sehr viel Wissen und Verständnis über und für die Natur erfahren, ich lernte das Spurenlesen, viel über Wildkrankheiten und über den Naturschutz und die Hege und Pflege. Manchmal ist es mir, als sei ich seither immer ein bisschen auf der Pirsch, sobald ich im Wald bin.

Für Andreas hat die Jagd auch etwas sehr Meditatives: Stundenlang streiche ich alleine und still durch den Wald und die Gedanken gehen in alle Richtungen. Und wenn plötzlich eine Gämse auftaucht und ein lauter Schuss die Stille durchdringt, spüre ich tiefste Emotionen.

Das Weitersteigen durch den steilen Grat zum Horn hinauf ringt uns einige Schweisstropfen ab, und der Blick schweift links und rechts über den Grat. Es ist ein unheimlich spannender und abwechslungsreicher Aufstieg. Und erst der Moment auf dem Gipfel: Das Nidwaldner Fähndli schwingt im Wind und im Hintergrund steht schon das nächste Ziel, der Pilatus, stolz mit einem Nebelring gekrönt.

Doch vorher erwartet uns am Sonntag der zweite Teil unserer Etappe. Vom "Chabisstei" zum Alpnachersee. Heute begleitete uns wieder Hans, mein Vater. Ja, derselbe Hans, der rüstige Achtziger, von dem ich in der Etappe sechs erzählt habe. Die Tropfen prasseln auf den Regenschirm und der Waldduft dringt in unsere Nasen. Ich mag es sehr, bei Regen im Wald zu sein. Der grosse Pilz am Wegesrand riecht stark nach Nuss und schon knackt es im Gebüsch. Wir sehen noch husch den Spiegel des Rehs hinter dem Grün verschwinden. Ich erinnre mich wieder an die Diskussion von gestern über die Jagd und die Jagdgefühle. Und ich erinnere mich auch an die Diskussionen, die wir an der letzten Tagung der regierungsamtlichen Kommission für Wald, Wildtiere und Landschaft geführt haben. Die Volksinitiative zur Abschaffung der Jagd ist im Kanton Zürich eingereicht.

Es ist eine sehr kontrovers geführte Diskussion. Immer wieder stehen die moralischen Fragen im Raum. Der Jäger töte gedankenlos und aus egoistischen Gründen. Eckhard Fuhr hat es meiner Meinung in treffenden Worten beschrieben: "Über die moralische Frage des Tötens habe ich mir nie grosse Gedanken gemacht, was nicht heisst, dass ich gedankenlos töte. Ich merke jedoch, dass philosophische Prinzipien und Argumente den Erfahrungsraum der Jagd gar nicht erreichen oder berühren. Es ist ohnehin klar, dass ich nicht auf biomechanische Automaten schiesse, sondern auf Lebewesen, zu denen der Mensch in den Jahrtausenden seiner Kulturgeschichte eine innige Beziehung entwickelt hat, zu der auch das Töten gehört. Ich leite mein Recht zum Töten von Tieren auch nicht aus der Überlegenheit des Menschen ab, sondern aus dieser langen Tradition und seiner Nähe zu ihnen."

Die Debatte um die Jagd wird immer weniger von Sachlichkeit geführt. Es ist, als habe man von beiden Seiten dichtgemacht. Ich bin der Meinung, zur Weiterentwicklung der Jagd braucht es Argumente von beiden Seiten und vor allem brauchen wir engagierte Jägerinnen und Jäger.

Es ist Montagabend geworden. Der Sprung in den See. Zug um Zug komme ich dem andern Ufer auf der Lopperseite näher, und es kühlen sich meine leicht erhitzten Gedanken ab. Ich trockne mich, meine Arme sind müde, und ich beende diese doch sehr spezielle Tour und lächle dem Stanserhorn zu.



Etappe 15: Lopper - Unterlauelen

Samstag, 12. August 2017
mit Übernachtung im Gasthof Unterlauelen

Treffpunkt und Zeit: 7.00 Uhr am Achereggparkplatz, ich freue mich!

Route: Lopper-Renggpass-Steiglihorn-Pilatus-Tomlishorn-Gämschmättli-Hörnli-Bründle-Unterlauelen

Höhenmeter: 1850 aufwärts, 1150 abwärts
Distanz: 15 km
Marschzeit: 7.5 Std
Schwierigkeit: T4 

 
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Es ist grau und trüb, die Wolken hängen tief. Die Kargheit der Betonlandschaft unter dem Acheregg untermalt diesen düsteren Morgen. Doch wir sind hoffnungsvoll und glauben daran: Das Wetter wird besser werden, es regnet ja schon nicht mehr.

Nun, es kommt anders. Schon bald trüben die Wolken noch mehr ein, der Nebel schleicht sich zwischen die Bäume und die Regentropfen fallen wieder. Mit jedem Schritt auf dem Zickzackweg zum Renggpass und weiter zum Chrummehorn schwindet ein bisschen Zuversicht, dass wir die Route über die Ostwand zum Pilatus tatsächlich machen können – dabei haben wir diese Etappe so ersehnt.

Bei der Tellenfadlücke fällen wir die Entscheidung. Es fällt uns nicht leicht. Als wir die Tour planten, war es gerade dieser Aufstieg, der uns besonders reizvoll erschien und uns angezogen hat. Wir sprachen mit versierten Pilatussteigern über diese Route, wie gluschtig hat das uns gemacht.

Doch der heutige Tag ist nicht der Tag für die Ostwand. Zu heikel ist der Aufstieg über das nasse glitschige Gras und den speckigen Felsen. Eliane und Sandra sind nicht unglücklich, denn so haben sie auf ihrer geplanten Route über Ämsigen-Galtigen-Chilestei Begleitung. Sie haben sich schon vorher entschieden, den Gipfel über diesen Weg anzupeilen. Mit heissem Tee schlucke ich die Enttäuschung herunter und stelle mich auf die neue Route ein. Regentropfen kullern uns allen über die Stirn. Nach dem Znünihalt marschieren wir weiter.

Bereits der Aufstieg bis zur Tellifadlücke ist ein wunderbares Erlebnis. Abwechslungsreich und steil, geradezu märchenhaft zieht der Weg durch den Renggwald, dann den Haslewald. Mein Blick dringt immer wieder durch den lichten Baumbestand ins Tal. Der Talboden, das Engelbergertal, spienzelt mir durch den Nebel entgegen und in Gedanken eröffnet sich mir der Dorfplatz Stans vor dem Auge. Eben jetzt haben sich dort wohl viele Leute versammelt. Ein Bundesrat ist auf Besuch. Alain Berset. Pro Senectute feiert ihren 100-jährigen Geburtstag. Während im Tal das Thema Alter diesen Morgen prägt, wandere ich mit vorwiegend jungen Erwachsenen am Pilatus. Geografisch sind sie heute weit von einender entfernt, die einen dort unten, die anderen da oben. Doch im Thema sind sie eng verbunden.

Und zwar durch die Rentenreform. Denn Eliane, Sandra, Martina und Andi haben alle Jahrgänge, die von der Altersreform massgebend betroffen sind. Während auf dem Dorfplatz wahrscheinlich die Rentnerinnen und Rentner im Mittelpunkt stehen, sind Andreas, Urs und ich eher die Übergangsgeneration, sozusagen der Schinken im Sandwich.

Im Gespräch mit den Jungen spürt man schon sehr schnell, dass das Thema bewegt. Aber trotz der vielen Anknüpfungspunkte scheint dieses Thema nicht so richtig fassbar zu sein. Andi meint, irgendwie verliert da jeder oder vielleicht gewinnt auch jeder. Er wisse auch nicht so recht. Die Reform habe so unterschiedliche Facetten und die Diskussion sei nicht einfach.

Und schon meint eine andere junge Stimme, eigentlich haben wir Jungen schon immer die Rente finanziert, jetzt bezahlen wir ein bisschen mehr, aber das kommt ja dann auch uns zugute, ich bin einfach gespannt, ob es in diesem Topf noch ein paar Fränklein für uns hat, wenn ich dann so alt bin. Und weiter: Aber Profiteur bei dieser Reform seid vor allem ihr als Schinken im Sandwich. Euch ist eine AHV garantiert und dann bekommt ihr als Sackgeld noch die 70 Franken. Das wiederum ruft dann doch den Sechziger zur Erklärung, dass diese 70 Franken ja auch durch seine AHV-Beiträge finanziert werden. Und er somit seinen Teil zur Reform beitrage, auch wenn dieser Beitrag wohl ein bisschen weniger weh tue als die Beiträge der Jungen und der Rentner, das gebe er natürlich zu.

Im ganzen Hin und Her lautet die Meinung plötzlich: Ach, lassen wir das Ganze doch einfach, das ändert und bringt doch gar nichts. Diese Reform, die ist ja schon überholt, bevor sie angefangen hat.

Irgendwie bringt mich die Diskussion und der vermeintliche Schusssatz zum Schmunzeln. Ja, die Reform ist eine Herausforderung. Sie lässt einen nicht klar durchblicken, es ist nicht ganz klar, was auf uns jeden zu kommt. Wer genau ist das Bödeli, der Deckel oder der Schinken in diesem Sandwich? Ist es überhaupt ein Sandwich?

Aber den Kopf in den Sand zu stecken und alles beim Alten zu lassen, das ist doch zu einfach. Zurzeit haben wir ein Vorsorgesystem, das sich bewährt hat. Es ist aus vielen höchst engagierten Diskussionen entstanden, es funktioniert. Dennoch kann es dem demografischen Wandel der letzten zehn Jahre nicht mehr Stand halten. Es muss justiert werden.

Die Babyboomer gehen bald in Rente. Ohne Reform werden die Zahlen in der AHV noch tiefroter. Am Schluss muss jemand bezahlen. Die raue Kritik aus gewissen Kreisen ist verständlich: Je betroffener man ist, umso vehementer fordert man eine für sich persönlich bessere Lösung. Aber an einer solidarischen Lösung führt kein Weg vorbei. Wir müssen alle aufeinander zugehen, müssen an der eigenen Position Abstriche vornehmen.

Unter dem tiefgehängten Himmel stehen wir auf dem Esel auf dem Pilatus, im Tal scheint die Sonne. Ob es Bersets Worte sind, welche die Sonne scheinen lassen? Auch das ist nicht klar. Aber in unser Diskussion sind wir uns einig. Altersreform 2020. Da müssen wir wohl durch.

Und sowieso. Jetzt wollen wir uns im Kreise der vielen Asiaten aufwärmen, bevor es weiter geht: über das Tommlishorn bis zum Gämsmätteli. Die Nebelschwaden schleichen um unsere Köpfe und verwehren uns den Blick zum Abstieg über das Stränzeloch in die Unterlauelen. Auch hier müssen wir die Route anpassen, und wir entscheiden uns, den Weg über das Widderfeld einzuschlagen. Auch wenn das nicht unsere Wunschroute ist, eröffnet sie uns doch einen abwechslungsreichen Abstieg.

Gleich zum Einstieg begrüssen uns einige Steinböcke. Sie grasen in aller Ruhe, lassen uns an ihnen vorbei wandern, sie sind ein wunderbarer Anblick. Bis ins Tal ist es weit, ich spüre jede Stufe in den jetzt doch müden Beinen. Umso mehr erfreuen wir uns am Anblick der Alpwirtschaft Unterlauelen. Der erste Schluck Bier verwandelt all die Strapazen dieses Tages in Genuss.

Überwältigend sind der Empfang in der Gaststube und diese Gastfreundschaft. So lassen wir uns liebend gerne zu einem gemütlichen Abend nieder, geniessen die Älplermagronen, die Gemütlichkeit und den Schwatz mit Christoph und Marlene. Und dann, eine Überraschung von Andrea, geht es noch zum Bad in den Holzzuber. Ja, was für ein Tag, so vieles haben wir erlebt. Und jetzt fallen wir müde und zufrieden ins Bergheu, wo uns sicher ein genussvoller, erholsamer Schlaf gegönnt ist.



Etappe 16: Unterlauelen - Hergiswil

Sonntag, 13. August 2017

Treffpunkt und Zeit: 9.00 Uhr Gasthof Unterlauelen

Route: Unterlauelen-Boneren-Fräkmüntegg-Schönenboden-Bibimoos-Hergiswil

Höhenmeter: 450 aufwärts, 1050 abwärts
Distanz: 10 km
Marschzeit: 4 Std
Schwierigkeit: T1 

 
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Klar ist die Luft und stahlblau der Himmel. Etwas "verchruglet" steigen wir aus dem Heu und lassen unsere müden Geister beim Alpzmorge erwachen. Einige Atemzüge frischer Bergluft lassen unser Bergfieber wieder ansteigen. Die Rucksäcke sind bepackt, und da treffen auch schon unsere heutigen Gäste ein. Jeremias hat sie hier her zur Unterlauelen gebracht: Helene, Gerhard, Anita und Hansruedi, hallo und los geht’s.

Uff, gleich zu Beginn, hoch über die Bergmatte Richtung Langegg-Nätsche steigt das Gelände an. Der Puls schlägt schon ganz gut. Bald schweift der Blick über Tannenwipfel. Der Weg bis zu Lauelenegg könnte abwechslungsreicher nicht sein: Ein Feuchtgebiet reiht sich an das andere, und viele Wasserläufe plätschern sich fröhlich durch die weitläufige Landschaft, dazu diese überwältigende Blumenpracht.

Während Helene sich an der Fliegen-Ragwurz erfreut, interessiert sich Gerhard vor allem für die mannigfaltigen Pilze. Immer wieder zieht es ihn durch Büsche und um Bäume, zurück bringt er Steinpilze, Maronenröhrlinge, Semmelstoppeln, Eierschwämmli und Trompetenpfifferlinge. Stehen lässt er Hexenröhrlinge, Täublinge und Korallenpilze und die giftigen Fliegen- und Satanspilze.

Bald wird der Weg flacher. Auch die Scharen von Wanderern lassen darauf hindeuten: Die Fräkmünt ist nicht mehr weit. Dann hören wir die Attraktionen der Zwischenstation auf der Fräkmüntegg, geradezu ein Lunapark, noch bevor wir sie sehen. Und beim Erblicken der Rodelbahn juckt es dann doch Jung und Alt. Die schnittige Talfahrt lässt das Kind in jedem von uns wiedererwachen und sich freuen.

Die Fräkmüntegg und ihre Nervenkitzeleien lassen wir nach dieser rasanten Schlittenfahrt hinter uns und ziehen weiter über die Trämelegg, bis wir uns an einem behaglichen Plätzchen niederlassen und die Köstlichkeiten aus dem Rucksack zaubern, mitten in den Heidelbeeren. Unverkennbar: Anita und Hansruedi sind heute auch dabei, denn nur das Sandwich ist noch schneller ausgepackt als der feine, weisse, kühle Tropfen aus Schaffhausen. Da freuen wir uns doch alle sehr darüber.

Der Aussichtspunkt Schönebode lässt uns einmal mehr staunen – einzigartig schön. Man ist versucht zu denken, dass die Nidwaldner Hymne "Zwysche See und heechä Bärge" genau an diesem Plätzchen geschrieben wurde.

Auf uns wartet eine weitere Überraschung. Martina führt uns zur Lägenbrugg: Hier wartet Patrick mit einem "Schwarze" auf uns. Er, ein Freund unserer jungen Wanderschar, verbringt hier das Wochenende und bietet uns seine Gastfreundschaft an. Gerne geniessen wir einen Moment mit, bevor es über den Grat zum Bibimos und das Bruustried durch den lichten Wald weitergeht.

Heute wollen wir wirklich den genauen Grenzverlauf entlanggehen, und jetzt sind wir gefordert: Auf der einen Seite des Baches drängt sich Privatgrund um Privatgrund bis satt an die Grenze. Da ist kein Durchkommen. Und auf der anderen Seite liegt dichter, unwegsamer Wald – eine Herausforderung. Jeremias nimmt sie an, bahnt uns den Weg durch diesen Dschungel, der sich plötzlich lichtet, und wir stehen am Strassenrand, es ist die Autobahnausfahrt Hergiswil. Willkommen zurück in der Zivilisation. Was für eine abwechslungsreiche, spannende Wanderung! Und so runden wir sie ab mit einem Schlusstrunk im Restaurant Schlüssel.

Am Abend sitze ich im Garten, die sinkende Sonne und ein Glas Wein vor mir. In Gedanken bin ich bei den Eindrücken der letzten beiden Tage. Mir wird bewusst, wie nahe wir dem Ziel sind, die Nidwaldner Grenze zu umwandern. Vor einigen Wochen erst, am 3. Juni, habe ich die Hand in den Vierwaldstättersee gestreckt, da, an der Mündung des Spreitenbächlis, und wir sind auf unsere Tour gestartet.

Heute haben wir, an einem anderen Ort, denselben See erreicht, und auch hier haben wir das Wasser gespürt. Allmählich schliesst sich der Kreis. Ein Kreis mit einsamen Wegen, luftigen Graten, dichten Wäldern, weiten Alpen und vielen Erlebnissen und Begegnungen.

Ich freue mich auf das Schlussbouquet meiner Grenzbegehung, blinzle dahin, wo die Sonne soeben untergegangen ist, und lasse meine Gedanken durch dieses Abenteuer wandern.



Etappe 17: Hergiswil - Volligen

Samstag, 26. August 2017
Schlusstour

Treffpunkt: Die Schlussetappe! Wir treffen uns um 10.45 Uhr bei der Taverne Bürgenstock. Wer das Postauto nimmt: Es fährt ab Stansstad 10.17 Uhr. Vom Bürgenstock wandern wir dem Felsenweg entlang zur Hametschwand und hinunter zur Obermatt. Von der Obermatt führt uns eine Naue nach Volligen. Und da stossen wir im Restaurant Volligen zusammen an und runden sie so ab, die «Grenzerfahrung Nidwalden 2017». Die Rückfahrt ist durch einen Taxidienst gewährleistet.

Route: Bürgenstock-Felsenweg-Hametschwand-Obermatt-mit der Naue nach Volligen

Höhenmeter: 650 aufwärts, 650 abwärts
Distanz: 7 km
Marschzeit: 3 Std
Schwierigkeit: T1 

 
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«Es hat schon wilde Typen dabei, die immer die Grenzen suchen.» Das sagt Rennleiter Patrick der Nidwaldner Zeitung, aber er meint nicht uns, die wir die heutige Etappe der Grenzwanderung angehen. Vielmehr meint er die Töffli-Rally in Ennetmoos, sie lockt tausende von Tefflibuebe, jung und alt. Es rattert und knattert im Kanton Nidwalden.

Etwas leiser ist der Start zu unserer letzten Etappe, es geht über den Bürgenstock nach Volligen. Aber wilde Typen hat es da auch dabei. 16 sind wir heute an der Zahl, Andreas und ich treffen sie in der Taverne auf dem Bürgenstock-Ressort. Vorher aber haben wir noch etwas Höhe überwinden müssen. Entlang des Trassees der Bürgenstockbahn sind Andreas und ich Stufe um Stufe hochgestiegen, über 4000 sind es. Walter hat uns bei der Bergstation in Empfang genommen: «Das war sicher locker, aber Morgen, morgen werdet ihr wieder an uns und die Stufen denken!» Neben ihm glänzte, in farbiger Blumenpracht bereit für die Eröffnung, die Oldtimer-Bürgenstock- Standseilbahn. Doch jetzt in der Runde der wilden Typen und gestärkt durch einen Kaffee geniessen wir unsere Wander-Rally über den Hammetschwand und das Chänzeli bis hin zum Mattgrat.

Nicht nur im Tal fordern uns Hindernisse heraus, sie kommen in Form von Steinen, Kurven und Treppen. Wie die Tefflybuben sind auch wir Wandertrüppler gefordert. Wir staksen und kraxeln und schlittern und hüpfen durch aufgeweichte Waldpfade und sonnige Matten bis hinunter zur Obermatt.

Da legt die Naue eben an, das Wasser könnte blauer nicht strahlen, das Bier nicht goldgelber serviert werden. Kari Kreidler würde sagen: «Wander-Rally isch fantastisch und d'Stimmung isch bombastisch.» Schon geht’s los, tuckernd mit dem schweren Lastschiff, gesteuert von Hugo und André, hinaus in die Mitte des Sees, genau der Grenze entlang.

Plötzlich wird der Motor gedrosselt, wir stehen vor dem Bagger im See vor der Risleten. Aus der Risletenschlucht sprudelt der Wasserfall, und der auserlesene Ort offenbart eine Schönheit, die uns für einen Moment die Worte nimmt. Doch ist es nicht die Anmut der Risleten, die unser Frachtschiff stillstehen lässt, es ist der Bagger im See, Hugos Arbeitsplatz während 42 Jahren, und nun sprudelt es nicht nur aus der Risleten: Hugo erzählt von seinem Beruf und aus seinem vergangenen Arbeitsalltag und das mit einer Leidenschaft, wie ich sie selten erlebt habe. Wir spüren es, der Hugo und der Kari Kreidler haben etwas gemeinsam, in Karis Blut fliesst Benzin für Puch und Max, und bei Hugo schlägt das Herz für die Ledischiffe Fritz, Rigi und viele mehr.

Der nagende Hunger und die brennende Sonne lassen uns dann weitergleiten und schon bald sehen wir das Spreitenbächli – unspektakulär und in Gebüschen eingebettet springt das kleine Bächlein über die Steine in den See.

Hier ist es. Wir sind angekommen, die Grenztour schliesst ihren Kreis. Wir haben es geschafft. Ein unbeschreibliches Gefühl. Unsere Blicke schweifen über die Grate entlang des Niederbauen, unsere Gedanken gehen zurück, wandern nochmals kurz durch diese 17 Etappen. Ab jetzt, ins Restaurant Volligen, wir stossen an, geniessen das Zvieriplättli.

Und schon sprudelt es von Erinnerungen: der Knieschoner von Christine, die Kletterpartie von Felix, der traditionelle Schaffhauser Weisswein von Anita, die «Wanderschuhe» von Erika, die Pilze von Gerhard, die Übernachtung im Heu, die Ziegenwurst auf der Gerschnialp, der Gleitschirmflug von Noldi, die Organisationshilfen von Luzia und unsere neuen Gäste heute: Beat, Therese, Andi und Lis und wie sie alle diese letzte Tour bereichern mit neuen und unvergesslichen Erinnerungen.

Jetzt stehe ich hier, schreibe meinen Bericht, auf dem Routenplan folgt keine neue Etappe. Ich werde es vermissen: die Wettervorhersagen zu studieren, auf der Landkarte die Route abermals und abermals zu verfolgen, die Feteli zu sortieren, den Rucksack zu packen, diese Neugier zu spüren, Schritt für Schritt in Gedanken zu sein, dann wieder zu plaudern, zu diskutieren und ausser Schnauf zu geraten, wenn es dann doch wieder steil wird. Es ist wie an der Teffly-Rally: Es war ein Erlebnis für mich und ich hoffe, auch für all die vielen Leute, die mitgekommen sind. Ein Rucksack voller Erinnerungen.

Diese Erinnerungen habe ich mir – haben wir uns – in einem Kanton erwandert, der uns allen eine Vielfalt von Möglichkeiten bietet. Ich freue mich, dass wir darauf achten, diese Möglichkeiten zu bewahren, sie selber zu erleben – und gemeinsam mit anderen Menschen das Leben in unserem Kanton zu gestalten und Erinnerungen miteinander entstehen zu lassen.

Ja, Nidwalden, es ist schön, hier zu leben. Hier sind Menschen, welche die Traditionen pflegen und gleichzeitig offen sind für Neues. Menschen, die dem Kanton mit ihrem Engagement Farbe geben – wie die Crew der Teffly-Rally. All diese Menschen lassen unseren Kanton pulsieren.

So habe ich in den letzten Wochen die Nidwaldner Grenzen hautnah erlebt, dazu von manchem Gipfel den Horizont des Kantons betrachtet. Er ist weit, er ist offen und er leuchtet. Dass er so ist, dafür danke ich euch.